Anna Jung

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Früher war das auch mal leichter...

Da ist er nun endlich, der Frühling. In dem Maße, in dem er sich Zeit ließ, bewirkt er nun offensichtlich ein explosives Überströmen sämtlicher Hormone bei sämtlichen Lebewesen. Die Katzen schreien, die Bäume stehen endlich voll im Saft und dieses turtelnde Taubenpärchen vor meinem Fenster erinnert mich täglich daran, wozu der Frühling da ist: Zur Partnersuche.

Jung (gerade noch so), weiblich (eindeutig), ledig (muss ich mir ein Schild umhängen?) sucht. Sollte ja nicht allzu schwer sein. Am Samstagabend hier ein wenig aufgerüscht, dort ein bisschen nachgepudert, die richtigen Schuhe angezogen und ab geht's in das wilde Getümmel.

Die erste Ernüchterung stellt sich schnell ein. Ein kleiner Flirt hier oder da, aber entweder bin ich zu anspruchsvoll geworden oder meine anziehende Wirkung beschränkt sich tatsächlich ausschließlich auf, wie soll ich sagen, kleine Jungs.

Nun gut, möglicherweise schreckt das klassisch-weibliche Rudelverhalten ernsthafte Anwärter auch einfach ab, wir sind zu viert unterwegs und wenn ich darüber nachdenke, würde ich mich einer Wolke aus Kleidern, Parfümduft, wehenden Haaren und Gegacker als paarungsbereites Männchen auch nicht freiwillig nähern - zumindest nicht unbewaffnet, neigen Hühner doch dazu, rasch zu Hyänen zu werden, wenn das Männchen vermeintliche Schwächen aufweist...

Auch die Hoffnung auf den Gelegenheitsflirt im Supermarkt annuliert sich von selbst, offenbart der Inhalt meines Einkaufswagens doch allzuschnell, dass ich Anhang habe - den ich auch nie verstecken würde, aber offensichtlich haben Windelpakete und Feuchttücher doch einen eher niedrigen Flirtfaktor.

Der einzige, der sich hartnäckig um mich bemüht, ist der nette junge Mann an meiner Stammtankstelle. Aber das mag auch daran liegen, dass ich dort massig Geld lasse und eine Tankstelle finde ich nun ausgerechnet nicht sehr ansprechend für erste Kontaktaufnahmen.

Ich hake den Versuchsaufbau "Freie Wildbahn" also vorerst als ungenügend ab und teste die Variante "Internet".

Hach ja, das Internet. Ich habe hier durchaus schon so meine Erfahrungen gemacht, positive wie negative. Vorteil: Zeitlich und räumlich sehr flexibel und das Styling kann man sich, zumindest wenn man wie ich keine Webcam besitzt, vorerst sparen. Nachteil: Man weiß eben nicht wirklich, wer oder was da am anderen Ende sitzt. Ein beidseitiges Risiko.

Um es kurz zu machen: Ein Schuss in den Ofen nach dem anderen. Nach einigen Anläufen hätte ich massig Material für diverse psychosoziale Studien, aber keine Aussicht auf Erfolg. Früher oder später kommt das Gespräch entweder auf meine Kinder, hier sieben sich 50% aller Interessenten rasch selbst aus. Oder die Herren werden zu schnell zu intim, dann muss ich allerdings ganz schnell weg, SO oberflächlich brauche ich es dann doch nicht. Oder man kann sich prima unterhalten, aber das war es auch schon.

Was bleibt? Der Bekanntenkreis. Ähm... Ja. Das ist so eine Sache. Das Problem: Fast nur Pärchen in meinem Freundeskreis und selbst wenn dort ein annehmbares Exemplar Single würde, verböte mir der weibliche Ehrenkodex, dieses auch nur anzurufen.

Mein Fazit: An dem Spruch "Alle guten Männer sind vergeben oder schwul" scheint etwas dran zu sein. Oder sie verstecken sich erfolgreich. Oder ich suche nicht aggressiv genug? Vielleicht bin ich auch zu altmodisch. Oder, wie ich anfangs schon befürchtete, zu anspruchsvoll.

Ich will doch nur einen Mann, der mir zuhört, mir alles erzählt, die Klappe hält, wenn es angebracht ist, der im Bett eine Granate ist, aber kein Sexprotz, der treu ist, aber keine Klette, der sensibel ist, aber kein Weichei, einen echten Kerl mit weichem Herzen, der auch mal Spaß versteht, der mit meinen Kindern kein Problem hat und der mich einfach nimmt, wie ich bin.

Die Betonung liegt auf "NUR", jaja, ich weiß. Aber es ist ja nicht so, dass ich dafür nichts bieten würde. Ich bin offen, aber keine Schlampe, ehrlich, lustig, bin von einer attraktiven Frau kaum zu unterscheiden und sehr tolerant. Außerdem kann ich Kochen, kenne mich mit Computern aus und stehe total auf Autos, ohne allzu tussig zu sein. Und zicken tue ich auch nur gaaanz selten.

Irgendwie ist das alles so anstrengend, dass mir inzwischen schon bei dem Gedanken an die Partnersuche jede Lust danach vergeht. Und in meinem Hinterkopf moppert ohnehin ein fieses Stimmchen, dass es "ohnehin erst passiert, wenn man nicht mehr damit rechnet".

Ach, sei doch still da.

Aber ganz unrecht hat das Stimmchen nicht... Wenn man die Geschichte der Liebe betrachtet, wo hätte man je davon gelesen oder gehört, dass die Liebe, nach der wir uns so sehr sehnen, nämlich die, die einen umfegt wie ein Sturm und erschüttert wie ein Erdbeben, wohlbedacht und nüchtern geplant dahergekommen wäre? Ich zumindest kann mich an solche Aufzeichnungen nicht erinnern. Nein, vielmehr überkommt einen dieses wilde, unbändige Gefühl, gegen das man sich nicht wehren kann, doch völlig unvermutet und nicht selten fast schon ungelegen.

Ich sollte nicht darauf warten. Man stellt sich ja auch nicht unter wolkenlosem Himmel auf ein freies Feld und wartet auf ein Gewitter. Aber so richtig lässt es mir keine Ruhe... Es gibt bestimmt noch etwas, was ich noch nicht ausprobiert habe! Oder ich habe es einfach nicht ambitioniert genug verfolgt.

Und während ich also einmal mehr zur Tankstelle fahre, obwohl mein Tank voll ist, denke ich mir...

...früher war das auch mal leichter.