
Olaf Walther
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Kurt Tucholsky, 1918 und die SPD - ein gespanntes Verhältnis
„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ William Faulkner, „Requiem für eine Nonne“, 1951.1
Gegenwart
Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) steht zur Zeit nicht hoch in der Gunst der Wählerinnen und Wähler. Die in der Bundesrepublik Deutschland am längsten tradierte Partei hat wegen des von ihr verantworteten negativen Umbaus der sozialen Sicherungssysteme und des Gesundheitswesens und ebenso wegen der durch sie (zumindest mit) zu verantwortenden Militäreinsätze der Bundeswehr im Ausland in steter Folge Wahlen und auch Mitglieder verloren. Dennoch prägte der am 21. März 2004 auf einem Sonderparteitag der SPD gewählte Vorsitzende Franz Müntefering das trotzige Bonmot: „Opposition ist Mist. Lasst das die andern machen - wir wollen regieren.“ Kurt Tucholsky hätte darauf antworten können: Krieg ist Mist. Soziale Ungerechtigkeit ist Mist. Laßt das niemanden machen - wir wollen dagegen opponieren!
Vergangenheit
Tucholsky, als aufmerksamer Zeitgenosse, politischer Publizist, literarischer Künstler, Pazifist, Demokrat und engagierter Vertreter des sozialen Fortschritts sowie einer aufgeklärten Kultur, befürwortete die Novemberrevolution von 1918 und vertrat gegenüber der negativen Rolle der arrivierten Mehrheits-SPD bzw. gegenüber ihrer organisatorischen Leitung eine ausgeprägt kritische Position: „... und was erst geschieht, wenn die sozialdemokratischen Funktionäre an den Sekt herangelassen werden, das haben wir ja alle erlebt. Sie kippen um. Und ersaufen in ihm.“2 Eine bündige eigene Einschätzung des Novembers von 1918 gibt Kurt Tucholsky im selben Kooperationsband mit John Heartfield in dem bebilderten Artikel „Schöne Zeiten“: „Was uns 1918 bewegte, war anders, ganz anders [als die „Gassenbesoffenheit von 1914“]. Es war keine schöne Zeit und keine ‚große‘ Zeit - aber Deutschland rührte sich. Dieses starre, überdisziplinierte, straffe Land fing an zu kreiseln. Es waren die Arbeiter, die das vollbracht haben, die zurückkehrenden Soldaten und vorneweg die Matrosen. Wir wollen diese Melodie aufbewahren in unserm Herzen. Erstickt in Blut, verraten und niedergeknüppelt, in die Bahnen der ‚Ordnung‘ zurückgescheucht, so ging das dahin. Liebknecht, Luxemburg ... vorbei. Die ‚schönen Tage‘ leben verfälscht, umgedichtet, umgelogen, in den Memoiren jener Sozialdemokraten, die zwar die Revolution vermasselt, aber wenigstens aus ihren faden Lebenserinnerungen eine bescheidene Rente bezogen haben. Das Blut der im Kriege Gefallenen ist umsonst geflossen - für nichts sind sie gefallen. Das Blut der Revolutionäre soll nicht umsonst geflossen sein. Sie sind für die Sache gefallen. Laßt sie keimen.“ Zu einer weitgehend wesensverwandten Einschätzung von realisierten historischen Möglichkeiten und daraufhin zerstörten gesellschaftlichen Chancen kommt Sebastian Haffner in seinen Darlegungen „Die deutsche Revolution 1918/1919“3: „Wie jede Revolution stürzte auch diese eine alte Ordnung und setzte an die Stelle die Anfänge einer neuen. Sie war nicht nur zerstörerisch, sie war auch schöpferisch. Ihre Schöpfung waren die Arbeiter- und Soldatenräte.(...) Als revolutionäre Massenleistung steht der deutsche November weder hinter dem französischen Juli von 1789 noch hinter dem russischen März 1917 zurück. (...) Wer die Revolution niedergeschlagen hat, daran gibt es keinen Zweifel. Es war die Führung der SPD, es war Ebert mit seiner Mannschaft. Auch daran gibt es keinen Zweifel, dass die SPD-Führer, um die Revolution niederschlagen zu können, sich zunächst an ihre Spitze gestellt hatten, dass sie sie also verrieten.“ An dieser Stelle sei dezidiert betont, daß die unheilvolle Kontinuität des Bündnisses der Eliten4 aus Militär, Justiz, Adel und Großindustrie ursächlich gewesen ist für die brutale Niederschlagung der damaligen progressiven Bewegung in Deutschland. Auch Tucholsky sah sehr deutlich diesen ursächlichen Zusammenhang und trat deshalb engagiert für eine gründliche demokratische, soziale und kulturelle Modernisierung der Gesellschaft im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung ein.5 Gleichwohl ist die kritische historische und aktualisierte Betrachtung der Sozialdemokratie produktiv für das kohärente Verständnis und Handeln humanistischer Kräfte in einer änderungswürdigen Krisengesellschaft.
Insbesondere...
den Frieden der Mehrheits-SPD mit den alten Mächten und der alten wilhelminischen Ordnung - wenn auch mittlerweile ohne Krieg und Kaiser - nahm der politische literarische Autor spitz auf die Feder. In dem Gedicht, „Das Lied vom Kompromiß“6, welches im März 1919, einen Monat nach der Wahl Friedrich Eberts (SPD) zum Reichspräsidenten, in der Weltbühne erschien und von Hanns Eisler vertont worden ist, ironisiert Tucholsky den Tanz um den heißen Brei bzw. die Einigung zwischen den „Schwarzen und den Roten, die sich früher feindlich oft bedrohten.“ Die erste Strophe endet mit dem Refrain: „(Volles Orchester) Schließen wir nen kleinen Kompromiß Davon hat man keine Kümmernis. Einerseits und andrerseits - so ein Ding hat manchen Reiz... Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß: Schließen wir nen kleinen Kompromiß!“
Dieser Refrain wird nach der zweiten und dritten Strophe wiederholt - aber am Ende werden die beiden letzten Zeilen zu der unmißverständlichen Aussage variiert: „Und durch Deutschland geht ein tiefer Riß. Dafür gibt es keinen Kompromiß.“ Hierunter sind die unversöhnlichen Gegensätze zwischen Zivilität und Militarismus, Demokratie und Despotie, Elend und sozialer Wohlfahrt, Humor und Kadavergehorsam zu verstehen - Gegensätze, die Tucholsky 1928, zehn Jahre nach der Novemberrevolution, sehr scharf thematisiert hat.7 In der zweiten Strophe wird der Germania Abneigung gegen das französische Revolutionstanzlied (Carmagnole) sowie die Ebertsche Paradoxie („Wasch den Pelz, doch mache mich nicht naß!“) auf die literarische Schippe genommen. In der dritten Strophe gerät die Harmlosigkeit der Regierung („säuselt gar zu hold“) unter die dichterische Lupe, die auch deutlich sehen läßt, daß keine substantiellen politischen Änderungen vorgenommen worden sind („Sind die alten Herren auch rot bebändert,/deshalb hat sich nichts bei uns geändert.“). Deshalb wird gleichfalls die lyrisch-politische Mutmaßung angestellt, Ebert - der ja Befürworter der konstitutionellen Monarchie war - könnte zum vertriebenen Kaiser gehen („Kommts, daß Ebert hin nach Holland geht,/spricht er dort zu einer Majestät:“). Hier setzt wieder der Refrain ein, der, wie dargelegt, mit dem Appell zur Unversöhnlichkeit endet. Die Satire hat also einen klaren Standpunkt.
Auch später...
1926, in dem wiederum in der Weltbühne erschienen Gedicht - welches ebenso von Hanns Eisler vertont wurde - „Feldfrüchte“8 unternimmt Kurt Tucholsky mit den Lesenden einen Ausflug, draußen im Garten, auf das politische Gebiet. Zuerst wird man, scheinbar harmlos und banal, vor Suppenkräuter, Bauernblumen, Petersilie und Tomaten, Bohnen und Sellerie geführt. Dann, unvermittelt, am Rande - die Radieschen: „außen rot und innen weiß.“ Im zweiten, ebenfalls zwölfzeiligen Abschnitt, wird die Allegorie vollends politisch: auf dem Kompost der Republik gedeihen „Bonzen, Brillen, Gehberockte,/Parlamentsroutinendreh...“ und reimen sich dann wie linkerhand auf das Kürzel SPD. Zum Abschluß des kleinen Ausfluges heißt es dann: „Hermann Müller, Hilferlieschen blühn so harmlos, doof und leis wie bescheidene Radieschen: außen rot und innen weiß“
Mit dieser Pointe ist ein eindrückliches Bild für die Doppelfarbigkeit der (mehrheitlichen) Sozialdemokratie entstanden.
Ähnlich gleichnishaft ist die 1929 ebenfalls in der Weltbühne erschienene Prosa-Begebenheit „Die Fabel“9. Die kleine Geschichte hat es in sich. Indem sie die lang tradierte („...vor achttausend Jahren...“) Gegnerschaft zwischen Hund und Wolf aufgreift und gesellschaftlich aktuell thematisiert, wird ein deutlicher Hinweis auf die harte politische Differenzierung zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten gegeben. Der Hund wird unruhig und wütend, weil er vor seiner Hütte hinter dem Wald die Wölfe heulen hört. „Dann begann er zu bellen.“ Er wird vom Herrchen ins Haus zurückgebracht, wo er am Herdfeuer liegt. Von dort an wird das Verhältnis der Tiere politisch charakterisiert. „Er haßte sie um ihrer Freiheit willen - er war zu schwach, die noch zu wollen. Er ließ sie entgelten, was er nicht hatte werden wollen. Sie hatten die Freiheit, die herrliche Freiheit und ein hartes Leben - aber sie sollten gar nichts haben! Er haßte sie, weil sie nicht in der Wärme fressen wollten wie er, und er haßte sie, weil es ihm alles, alles nichts genutzt hatte: der Verrat nicht, die Wachsamkeit nicht, die gebratenen Fleischstücke nicht.“ Als es draußen still geworden ist, schläft der Hund wieder ein. „Die Fabel“ wird beendet mit dem Satz: „Zwischen Otto Wels und Lenin bestehen gewisse Gegensätze.“ Dieser Satz hat schon eine britische Anmutung.
Bis zum Schluß...
seines sehr produktiven literarischen Schaffens hat Kurt Tucholsky - nicht nur und vorrangig, aber unausgesetzt - die Mehrheits-Sozialdemokratie überlegt kritisch begleitet. Eingebettet in die Abhandlung „Die Keuschheitsgürteltiere“10, in der eine mäßige pornographische Schrift („Keuschheitsgürtel“ von Pitigrilli) von Tucholsky trotz ihrer genuin schlechten Qualität gegen die Konfiszierung des Landesjugendamtes verteidigt wird - zum einen, weil der Autor sich prinzipiell gegen die Ausweitung der Zensurwut wendet und zum anderen, weil Tucholsky den Jugendämtern nützlichere Aufgaben zuweist (Behebung der Arbeitslosigkeit und der Geldnot sowie der insgesamt gedrückten Lage der Jugend) -, findet sich eine komprimierte Passage als Kritik zur Etablierung der Sozialdemokratie: „Die SPD hatte Wichtigeres zu tun: wenn in Deutschland ein Unheil im Anzug ist, dann steht die Bonzokratie dieser Partei da und setzt durch, daß im § 8 des Unheils statt ‚muß‘ die Worte ‚soll nach Möglichkeit‘ stehen. Es sind wackere Parlamentarier.“ In dieser kritischen Sentenz sind - mit Heiterkeit - viele Gründe auch für den gegenwärtigen Unmut über das parlamentarische System zu finden. Während der letzten Periode seines Schaffens hat Kurt Tucholsky in der Hauptsache noch Aphorismen („Schnipsel“) kreiert. In einigen thematisiert er fortgesetzt kritisch den Entwicklungsstand der SPD aus seiner unvermindert scharfen Sicht. Ein ausführlicherer „Schnipsel“ von 193211 lautet: „Es ist ein Unglück, daß die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands heißt. Hieße sie seit dem 1. August 1914 Reformistische Partei oder Partei des kleinern Übels oder Hier können Familien Kaffee kochen oder so etwas -: vielen Arbeitern hätte der neue Name die Augen geöffnet, und sie wären dahingegangen, wohin sie gehören: zu einer Arbeiterpartei. So aber macht der Laden seine schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen.“ Hier wird noch einmal grimmig verdichtet: Die Zustimmung zu den Kriegskrediten, die Beschränkung auf innersystemische Reformen, die letztliche Beibehaltung der Übel und die Behäbigkeit des Parteilebens werden als eindeutige Malus-Punkte der damaligen Verfaßtheit genannt. Dennoch wird einer sozialdemokratischen Arbeiterpartei - ihren Ursprüngen, Möglichkeiten und ihrer ehemaligen Namensgebung nach - eine positive Potentialität zugemessen.
Gegenwärtige Zukunft
Im Sinne und im praktischen Impetus von Aufklärung und Emanzipation hat jede Kritik - nicht zuletzt die wahrhaft satirische - eine positive Tendenz. Sie ist der eigentliche Leitfaden des entsprechenden künstlerischen und politischen Engagements. Tucholsky hat diese Einheit von Angriff und Besserungsabsicht schon früh in seiner Schrift „Was darf die Satire?“12 von 1919 unmißverständlich zum Ausdruck gebracht: „Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.“ Von wesensähnlicher Dialektik ist auch „Wir Negativen“13, die Verteidigung der Weltbühne gegen den damals 1919 von rechter Seite üblichen verunglimpfenden Vorwurf der sogenannten Nestbeschmutzung. Hier wird ausdrücklich gegen Hunger, Elend, Krieg, restriktive Verwaltung und korrupte Politik polemisiert bzw. für die Beseitigung der Drangsale sowie für eine kämpferische Geistigkeit plädiert. Nahezu am Ende der gründlichen Verteidigungsschrift - Kurt Tucholsky war promovierter Jurist - heißt es: „Aber wir kämpfen aus Liebe für die Unterdrückten, die nicht immer notwendigerweise Proletarier sein müssen, und wir lieben in den Menschen den Gedanken an die Menschheit.“ In diesem intensiven, handlungsrelevanten humanistischen Verständnis der Herausforderungen der Zeitläufte sollten wir alle Friedenspartei sein - individuell, gemeinsam und allerorten. Denn das Vergangene ist noch nicht verwirklicht; die Zukunft beginnt mit jedem Tag. 1 Diesen Satz verwendet auch Christa Wolf für die Eröffnung ihres Romans „Kindheitsmuster“, Berlin und Weimar 1976. 2„Die drei Gläser“, in: „Deutschland, Deutschland über alles“, „Ein Bilderbuch von Kurt Tucholsky und vielen Fotografen“, „Montiert von John Heartfield“, Berlin 1929. 3Aconda Verlag Köln 2008, Kapitel 15: „Drei Legenden“, S. 236f. Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung der Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg. Copyright 1979/2002 by Kindler Verlag GmbH, Berlin. - Die Originalausgabe erschien 1969 unter dem Titel Die verratene Revolution im Scherz Verlag Bern/München/Berlin. 4Siehe zu diesem zentralen Punkt speziell Fritz Fischer: „Bündnis der Eliten. Zur Kontinuität der Machtstrukturen in Deutschland 1871 - 1945“.Düsseldorf 1979. 5Siehe beispielsweise „Was würden sie tun, wenn Sie die Macht hätten“, 1928, in: Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke, herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz, Reinbek bei Hamburg 1960 (folgend GW), Bd. 6, S. 301. 6GW Bd. 2, S. 57f. 7Siehe beispielsweise „November-Umsturz“, GW Bd. 6, S. 300. 8GW Bd. 4, S. 506f. 9GW Bd. 7, S. 12f. 10Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke Ergänzungsband 2, 1911 bis 1932, Herausgegeben von Fritz J. Raddatz, Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg 1989, S. 395ff. 11GW, Bd. 10, S. 107f. 12GW, Bd. 2, S. 42ff. 13GW, Bd. 2, S.52ff. |