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Orchideen der Hochschullandschaftvon Lisa Neis Buchwissenschaft in MainzAbitur bestanden. Und nun? Wie vielen jungen Leuten stellte sich auch mir im Sommer 2008 diese Frage. Dass ich an eine Universität wollte, stand mehr oder weniger außer Frage, doch die Wahl des passenden Studiengangs fiel mir sehr schwer. Ich dachte über meine persönlichen Interessen nach und räumte dem Lesen bald eine Schlüsselposition in meinem Alltag ein. Aber welches Studium zielt auf Bücher ab? Literatur? Germanistik? Ich entschied mich dagegen, da mir der praktische Bezug zum Buch fehlte, mit dem ich so gerne konkret arbeiten wollte. Ich suchte also nach Alternativen und stieß zufällig auf die Mainzer Universität. Dort wurde etwas angeboten, das den schlichten, so treffenden wie nichtssagenden Titel Buchwissenschaft trug. Darauf wurde ich neugierig und bewarb mich. Als die Zulassungsbestätigung per Post kam, tat ich mich zunächst etwas schwer mit der Entscheidung, da diese einen Umzug obligatorisch bedingte. Während ich die allermeisten anderen Studiengänge in NRW hätte belegen können, wird Buchwissenschaft an kaum einer deutschen Universität angeboten. Die Lust auf ein Studium ganz im Zeichen des Buches überwog, und so zog ich nach Mainz. Die Johannes Gutenberg-Universität ist recht groß: über 34.000 Studierende sind dort immatrikuliert. Dies ist angesichts der knapp 200.000 Einwohner in Mainz eine hohe Zahl. Auf dem Campus sind die Geisteswissenschaften, so natürlich auch die Buchwissenschaft, im Philosophicum angesiedelt. An unserem Institut sind vier Professoren beschäftigt und einige hundert Studierende angemeldet, eine Großzahl unter ihnen noch Magister-Studierende. Die Umstellung auf den Bachelor of Arts erfolgte zum Wintersemester 2008/09, meinem Startsemester. Mit mir zusammen haben etwa 90 Kommilitonen ihr Studium der Buchwissenschaft begonnen. Die Zahl der jetzigen Erstsemester ist allerdings deutlich höher, da zum Wintersemester 2009/10 der NC an unserem Institut aufgehoben wurde. Das Institut für Buchwissenschaft ging historisch aus der Gutenbergforschung hervor. In Mainz als Geburtsstadt Gutenbergs und des Buchdrucks wurde schon lange Inkunabelforschung betrieben. Auch in der universitären Buchwissenschaft ging es zunächst hauptsächlich um die Materialität antiker Bücher. Erst später wurden weitere Aspekte miteinbezogen und neue Forschungsfelder erschlossen. In den letzten Jahrzehnten prägte der jetzige Institutsleiter Professor Stephan Füssel das Institut sehr stark hinsichtlich der Zuwendung zur allgemeinen Kulturwissenschaft und zur Anerkennung der Komplexität der Buchforschung. Es wurde nach der Rolle des Buches in der Gesellschaft und nach den Abläufen auf dem Buchmarkt gefragt. So bekamen auch aktuelle Umfragen und Neuigkeiten aus der Branche eine gewisse Bedeutung. Als herausragend wichtig wird bis heute der Doppelcharakter des Buches als geistiges Kulturgut und Handelsobjekt angesehen. Dieser bedingt eine differenzierte Betrachtung der Forschungsbereiche. Heutzutage wird außerdem unter allen medienwissenschaftlichen Instituten viel zusammengearbeitet. Die starke Medienkonvergenz macht diese Kooperation sinnvoll und nötig. So gehören zum Beispiel die Vorlesungen "Medienmärkte" oder "Medienrecht" zu den Modulvorgaben Bachelor-Studierender verschiedener Fachbereiche. Das Institut für Buchwissenschaft ist verantwortlich für das Mainzer Verlagsarchiv. Dieses ist in seiner Vielfalt und seinem Umfang an deutschen Universitäten einzigartig. In den durch die Johannes Gutenberg-Universität angemieteten Räumlichkeiten befinden sich die Archive der Europäischen Verlagsanstalt, des Rotbuch-, des Syndikat- und ein Teil des des Rowohlt-Verlages. Eine interessante Veranstaltung für alle Bibliophilen oder der Buchbranche zugehörigen, welche das Institut jährlich im Januar durchführt, ist das Mainzer Kolloquium. Hierzu werden Gastredner aus unterschiedlichen Bereichen der Buchforschung und -branche eingeladen, welche ein bestimmtes Thema diskutieren und dazu Vorträge halten. Im vergangenen Jahr stand die Veranstaltung unter dem Titel "Buchproduktion - Status quo & Perspektiven", in diesem war der Titel: "Das Sachbuch - ein erfolgreiches Marktsegment". Im Modulhandbuch für den Bachelor ist genau festgelegt, welche Veranstaltungen in welchem Semester in Zusammenhang mit welchen Prüfungs- und Studienleistungen belegt werden sollen. Um einen Eindruck vom Studienkonzept zu vermitteln, seien an dieser Stelle die Module, welche für das erste beziehungsweise für das zweite Studienjahr vorgesehen sind, aufgeführt: "Einführung in die Buchwissenschaft", "Softskills" sowie "Buchhandels- & Verlagsgeschichte" im ersten Jahr; "Medienökonomie", "Buchrezeption", "Medienrecht" sowie "Gestaltung & Technik" darauf aufbauend im zweiten Jahr. Innerhalb der Module werden Veranstaltungen mit aktuellen oder historischen Schwerpunkten angeboten. Aktuelle Veranstaltungsthemen sind unter anderem welche zum Buchmarkt, der Leserfoschung, den Distributionsformen im Wandel oder der Verlagswirtschaft. Für die Arbeit mit den historischen Fragestellungen zum Beispiel nach der Entwicklung der Drucktechniken und Herstellung der Bücher, der Entstehung des modernen Buchmarktes im 18. Jahrhundert oder der Geschichte des Lesens, wird das Studienkonzept durch die Vermittlung von Grundlagen wie etwa "Theorien & Methoden der Buchwissenschaft" oder "Latein für Buchwissenschaftler" ergänzt. Die beiden abschließenden Module, die uns im dritten Jahr erwarten werden, sind "Das Buch im Medienkontext" und "Buchkultur". Praktischer Bezug ist hierbei meines Erachtens bei einem Großteil der Lerninhalte gegeben. Sicher - viele Hintergrundinformationen aus dem Bereich der Kulturwissenschaft oder ähnlichem sind wohl eher als "Beitrag zur Allgemeinbildung" zu verbuchen. Aber all jenes, was sich auf den deutschen Buchmarkt, die Produktion und die Distribution von Büchern, die Rezeption und die Besonderheiten der Buchbranche bezieht, ist von ganz konkretem Nutzen für einen späteren Beruf. Ich verstehe mein Studium zwar nicht als direkte Berfusausbildung, bin allerdings der Auffassung, dass es mich für eine Tätigkeit in Buchhandel, Verlagen, Bibliotheken, eventuell auch in der Herstellung und in der Forschung (Forschung im Sinne von Inkunabelforschung oder von aktueller Leserforschung) ein Stück weit qualifiziert. Da der Studiengang so selten ist und somit niemand auf einen Buchwissenschaftler als solchen wartet beziehungsweise einen für eine zu besetzende Stelle verlangt, gibt es kein festes Berufsbild, welches uns quasi üblicherweise erwarten könnte. Und zumal die Betätigungsfelder rund ums Medium Buch zahlreich und weit sind, wird für jeden einzelnen ausgebildeten Buchwissenschaflter ein weiterer Lernprozess vonnöten sein. Viele von uns streben einen anschließenden Master-Studiengang an, welcher eine gewisse Spezialisierung und Konzentration auf einen Bereich ermöglichen würde, zum Beispiel Publishing oder Buchwissenschaft im engeren Sinne der Forschung. Wie viele Masterplätze es geben wird und welche Leistungen man im Bachelor wird erbringen müssen, um für ihn zugelassen zu werden, ist allerdings noch unklar. Außerdem gibt es leider noch keinerlei Erfahrungswerte zu der Frage, welche beruflichen Aussichten man mit einem bloßen Bachelor-Abschluss hat, da wir wie gesagt in diesem Bereich die erste "Bachelor-Generation" sind. Inhaltlich habe ich an unserem Studium gar nichts zu kritisieren. Was uns in den einzelnen Veranstaltungen von den wirklich freundlichen und aufgeschlossenen Dozenten vermittelt wird, gefällt mir sehr. Die Probleme, welche sich im Laufe des Studiums ergeben, sind eher auf die Umstellung auf den Bachelor zurückzuführen. So sind der Leistungs- und der Zeitdruck wesentlich verschärft worden. Durch das angestrebte Ziel, mehr Stoff in kürzerer Zeit besprochen zu bekommen, bleibt der Raum für Diskussionen und die Möglichkeit, alternativen Ansätzen nachzugehen, zu oft auf der Strecke. Der gesamte Ablauf des Studiums ist leider enorm verschult. Durch quasi feste Stundenpläne und wenig nachvollziehbare Prüfungsverfügungen ( -> was wird wie mit welcher Gewichtung und zu welchem Studienzeitpunkt geprüft) wird den Studierenden die Chance genommen, eigene Schwerpunkte zu setzen. Das finde ich persönlich überaus schade. Weitere Probleme organisatorischer Art ergaben sich durch die Einführung von JOGUStINe im Februar 2009. Das "Studierenden-Informations-Netzwerk" der Universität ist seither die Online-Plattform, die den kompletten universitären Betrieb verwalten soll. Dort erfolgt die Anmeldung zu Veranstaltungen und Prüfungen, wird der Stundenplan erstellt, kann jeder Studierende seine Resultate einsehen und erhalten die Studierenden Nachrichten von ihren Dozenten. Der Ansatz ist lobenswert, das Konzept durchdacht, doch in der Umsetzung hapert es noch immer. Zu oft ist es in den letzten beiden Semestern vorgekommen, dass Anmeldungen gelöscht oder gar nicht erst freigegeben wurden. Die Studierenden plagt die Angst, jederzeit von irgendwelchen Listen zu verschwinden oder anderswie durchs System zu fallen. Die Lehrenden fühlen sich von JOGUStINe unter Druck gesetzt. Sie müssen sich an die Vorgaben von JOGUStINe und die damit verbundenen Fristen halten. Es bleibt kaum noch Spielraum für das eigene Ermessen. JOGUStINe beherrscht ein ganzes Stück weit den Universitätsalltag. Doch all diese Widrigkeiten können mich nicht davon abhalten, mein Studium grundsätzlich positiv zu bewerten. Ich weiß zwar noch nicht, welche beruflichen Möglichkeiten es mir genau eröffnet, doch bin ich zuversichtlich, da ich mich an dem Institut gut betreut fühle. Wer gerne liest und sich für Medien (speziell natürlich Bücher) interessiert, sollte ein Studium der Buchwissenschaft ernsthaft in Betracht ziehen. Ich zumindest kann es durchaus empfehlen. |