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Frankfurt in Leipzig - Kulturfenster in der Mayerschen Buchhandlung EssenS. 2Ein Interview mit dem Schriftsteller Jo Ziegler über Kulturfenster hier und anderswo... Jo Ziegler: Nein, leben und sein möchte ich im Ruhrgebiet. Da ist meine Heimat. Ich würde mir aber etwas anderes wünschen, und das ist die Konsequenz aus meinen Impressionen aus Leipzig: Das Ruhrgebiet kann sich nicht per Dekret zur Kulturmetropole erklären. Und es sollte in diesem Kulturhauptstadtjahr nicht dieser Illusion erliegen, die vielleicht auch ein wenig durch das Ruhr_2010-Gerede geschürt wird. Auch macht es keine Kulturmetropole aus, immer und immer wieder namhafte und etablierte Kulturschaffende von anderswo ins Ruhrgebiet zu importieren und den Leuten hier vor die Nase zu setzen. An der Entwicklung zur Kulturmetropole müssen die hiesigen Kulturschaffenden der freien und städtischen Szene(n) gemeinsam arbeiten. Damit tut sich das Ruhrgebiet noch schwer, und das hat sich auch im Jahr der Kulturhauptstadt nicht verändert. Und noch etwas: ![]() Bücherproduktion hat sehr viel mit Handwerk zu tun: Für mich fängt das beim Schreiben an. Ich visualisiere meine Ideen und versprachliche sie; ich mache Wortbilder und gemalte Bilder. Das war ja auch der Grund, warum ich im Kulturfenster ausstellen und meine Arbeiten präsentieren konnte: es ging dabei ja nicht nur um Leporellos und Bücher. Ich habe meine Ideen auch mit Öl- und Acrylfarben als Bilder realisiert. Ich habe gesägt, gemalt, ausgeschnitten, geklebt. Das gehört zu meiner Literatur dazu. ![]() Nehmen Sie diese Collage, die ich als Plakat reproduzieren ließ, und die am Eingang ins Textzentrum-Essen hängt. Sie trägt den Arbeitstitel «Ruhr-Collage». Ihr richtiger Titel ist «Ich krich ne Bratwuarst. Abba ne ganze!» Das ist für mich ein Stück Ruhrgebiet; ein Kind an der Hand seiner Mutter schrie diesen Satz tatsächlich. Es wollte nicht immer mit den Geschwistern teilen. Es wollte eine ganze Bratwurst für sich haben. KULTURPROGRAMM: Warum «Ruhr-Collage»? Sehen Sie so das Ruhrgebiet? Jo Ziegler: Der Arbeitstitel kam von meinem Verleger. Als Dateiname war ihm der richtige Titel des Bildes wohl zu lang. Und ich hatte ihm die Geschichte mit dem Kind erzählt. Und ob ich das Ruhrgebiet so sehe? Ja, das Ruhrgebiet ist bunt und manchmal doch auch schrill, oder? Außerdem habe ich einem wichtigen Ruhrgebietsmusiker einen zentralen Platz in meiner Collage eingeräumt. KULTURPROGRAMM: Meinen Sie Herbert Grönemeyer, den wir in der Redaktion ganz herzallerliebst "Grölemeyer" nennen? Und der nun seinen Karrierehöhepunkt als Auftragssänger für die Ruhr_2010 GmbH erreicht hat? Jo Ziegler: Was für Klischees! Nein, mein «Ruhri» lebt zur Zeit in Oberbayern, und über ihn schreibt Frank Goosen, der alte Tresenleser: Der Stoppok ist das, was man im Ruhrgebiet eine "echte Fresse" nennt, was durchaus liebevoll gemeint ist, und dazu passt auch, das[s] man kaum je auf die Idee kommen würde, ihn bei seinem Vornamen "Stefan" zu rufen. "Der Stoppok" - das hört sich auch an wie ein seltenes Tier. Es kann nur einen geben. [...] Mit dem musikalischen Oevre des Stoppok, der früher urbane Lebensräume im Ruhrgebiet durchstreifte, heute jedoch ein neues Revier in Oberbayern gefunden hat, kam ich über einen Umweg in Berührung. Herr Malmsheimer, mein ehemaliger Partner bei Tresenlesen, hatte einige Songs von Stoppoks erster Formation Stenderband verinnerlicht. Wie oft wir während nächtlicher Gelage nach unseren Auftritten alkoholisch angespitzt "Wenn ich an der Wupper schnupper, dann schlägt mein Magen Alarm" grölten oder "Wir gehen runter zum Park, ja der war mal so stark, da ist jetzt nur noch Lehm zu sehn", bleibt ungezählt. Hier zur offiziellen Homepage von Stephan Stoppok... Oder nehmen Sie meine Bilder «Höllisch heiß» und «Watching you, watching me». ![]() ![]() Ich möchte nicht immer und immer wieder Stereotype über das Ruhrgebiet bedienen, bebildern und besprechen. Aber meine Kunst ist nicht von dieser Region losgelöst. KULTURPROGRAMM: Stilisieren Sie sich nun zum Heimatdichter? ![]() Jo Ziegler: Nein, zwei Dinge möchte ich loswerden: 1. in meiner Trilogie habe ich mich auch in der Wiedergabe der Mundart versucht; 2. wie schon gesagt: ich begreife Kunst auch als Handwerk und das Handwerk als etwas ganz Sinnliches, was ich auch in Leipzig in der Buchbinde- und Buchdruckkunst wiederfand. ![]() ![]() Ich weiß, dass sich mein Verleger sehr gerne mit Hypertexten beschäftigt, über ihre Ästhetik und Rhetorik spricht und manchmal sogar über das Internet ins Schwärmen gerät.
Auf der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr hielt er sich eine kleine Ewigkeit
an einem Ministand von Wikipedia bzw. Wikipress auf und ließ sich über die
Möglichkeiten aufklären, individuelle Rechercheergebnisse über Wikipedia zu einem
Buch drucken und binden zu lassen oder eine PDF-Datei zu erstellen. Er war ganz
verzückt. Ich habe nichts gegen diese Technik, aber ich liebe auch den Geruch
von Farben und Lösungsmitteln.
Ich konnte mich für das Museum für Druckkunst begeistern. E-Books hin oder her. Der gute alte Gutenberg hat doch wirklich etwas Sinnliches geschaffen, oder?
Und auf dieses Sinnliche kommt es an. Die Phantasiewelt, die Welt der Imagination ist nicht steril wie in Second Life. Es waren viele junge Menschen zu sehen, die sich mit der Druckkunst als Handwerk beschäftigten... nein, ich muss sagen: befassten!
Und das schafft Atmosphäre, das fördert Kreativität. Gemeinsam mit den vielen
Lesungen und der lebendigen Kleinverlegerszene entsteht dann ein offeneres
Klima für Kunst und Literatur. Ich würde sagen: dann ist das Kulturfenster
geöffnet. Und das wünsche ich mir auch für das Ruhrgebiet.
KULTURPROGRAMM: Herr Ziegler, vielen Dank für dieses Gespräch. |