Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt


von Valeska Klug

Die Textzeile Joseph von Eichendorffs muss einem wie Ironie vorkommen, macht man sich mit den anderen Odysseeteilnehmern auf Weg, um bei einer Irrfahrt durch das Ruhrgebiet die lange, beschwerliche Reise des Odysseus nachzuvollziehen. Das Kulturhauptstadtjahrprojekt «Odyssee Europa», für das sich erstmals sechs Theater im Ruhrgebiet zusammengetan haben, ist vor allem eines: Theater als Grenzerfahrung. An zwei Tagen erwarten das Publikum sechs Uraufführungen eigens für das Projekt verfasster Stücke von Autoren unterschiedlicher Nationalität, die den Stoff des Homer'schen Epos aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. neu verarbeitet haben. Die Wege und Zeiten zwischen den Aufführungen hat die Gruppe raumlaborberlin als «Irrfahrt» durch das Ruhrgebiet zu Fuß, per Bahn, Bus oder Schiff gestaltet und organisiert. Den Menschen der Region soll man begegnen und mit ihnen die «abenteuerliche Reise» erleben - auch wenn viele der Gastgeber zugezogen und die Abenteuer auf eventtaugliche Größe gebracht sind. Und während der Original-Odysseus nach dem Krieg um Troja viele Jahre unterwegs ist und mit den Göttern ringt, bis er zu seiner von Freiern umworbenen Frau Penelope und seinem Sohn zurückkehrt, gestalten sich schon die über 30 Stunden, die die Veranstaltung insgesamt dauert, stellenweise anstrengend.

Tag 1: Über den Sprung ins kalte Wasser und die Landung im trockengelegten Pool



Den Anfang des Wagnisses, auf das sich rund 400 Besucher einlassen, macht am Samstagvormittag das Schauspiel Essen mit «Areteia». Bevor man allerdings in den Genuss dieses ersten Stückes kommt, gilt es, sich vom Eingang bis zu eigens eingerichteten Check-In Schaltern durch ein mit Pfosten und Bändern abgestecktes Leitsystem vorzuarbeiten. Es kommt Europapark-Feeling auf, während mir eine Frau vom Fernsehmonitor aus zu verstehen gibt, ich solle mein Gepäck nicht unbeaufsichtigt lassen. In der Reihe tummelt man sich vor allem mit gut gekleideten Senioren, Gesichtern aus Theatern der Region und unerschrockenen Ü-30ern. Wie zu befürchten war, hält der stolze Preis von 259€ (119€ ermäßigt) den Durchschnitts-«Ruhri» sowie junges Publikum eher von der Reise ab. Der Text von Grzegorz Jarzyna (Polen), der diesen ebenfalls inszeniert und zu einem großen Teil mit seinem polnischen Team umgesetzt hat, handelt von Odysseus' (Andreas Grothgar) Rückkehr. Er kommt an den Ort, an dem seine Frau auf Feiern mir Männern umgeben ist, die um sie werben und die sein Tennis spielender Sohn am liebsten beseitigt wüsste. Sein Vater fürchtet ihn, der Sohn dagegen eifert ihm nach und wird dabei selbst zum Mörder, tötet am Ende gar den erschöpften Odysseus selbst. Und die Götter, die mit ihren Frisuren irgendwie an Mr. Spock erinnern, sinnieren angesichts des Geschehens über ihr Verhältnis zu den Menschen. Noch unter dem Eindruck der zerbrechlichen Stimme der Göttin Athene, zu deren Füße Odysseus zu Anfang wie zu Ende gekrümmt am Boden liegt, schiebt sich die Menge aus dem Theater auf den Vorplatz, wo die Gastgeber die Reisenden mit Schildern erwarten, um die Reise nach Bochum zu gestalten.

In Bochum geht der Theatermarathon mit dem «Elften Gesang» von Roland Schimmelpfennig (Deutschland) weiter. Lisa Nielebock hat Odysseus' Reise in die Unterwelt in einem Holzkasten inszeniert (Bühne: Sascha Gross), ein eher gleichgültiger Odysseus (Wolfgang Michael) lungert kettenrauchend darin herum. Der Text Schimmelpfennigs, stark an den Homers angelehnt, wird mehr erzählt als wirklich gespielt, viele Passagen werden wiederholt. Es ist anstrengend, dem dichten Text länger als eineinhalb Stunden aufmerksam zu folgen; der Frauenchor, der unter dem erhöhten Guckkasten hervorgekrochen kommt und sich an der Rampe aufbaut, ist eine willkommene Ruhepause. Sie, die Töchter im Reich der Toten, stehen einfach nur da und atmen schwer, keuchen vorwurfsvoll, erschöpft. Am Ende versucht mancher, ähnlich wie die Toten, die sich an die wichtigsten Momente ihres Lebens zu erinnern versuchen, sich den Inhalt des ganzen langen Text ins Gedächtnis zu rufen - und scheitert. Nach der schweren Kost im Schauspielhaus bringen Shuttlebusse die Reisenden zu einer nächtlichen Bootsfahrt auf dem Rhein-Herne Kanal, wo es schließlich erneut Kost gibt - diesmal im wörtlichen Sinne.

Knapp sieben Kilometer später geht es mit Bussen weiter nach Oberhausen.
Oberhausen fällt in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen: mit dem kleinsten Ensemble und der lautesten Inszenierung bildet «Penelope» den Abschluss und für viele Zuschauer auch den Höhepunkt des ersten Tages der Odyssee. Der vollgerümpelte Pool, in dem Tilman Knabe das Stück inszeniert hat, bietet eine erfreuliche Abwechslung zu den bislang reduzierten, nahezu sterilen Bühnenräumen (Bühne: Kaspar Zwimpfer). Von allen Inszenierungen ist die Geschichte, die der Text von Enda Walsh (Irland) erzählt, in sich am geschlossensten, heruntergebrochen auf vier, nach Jahren des vergeblichen Freiens übriggebliebene Freier, die unter dem Fenster Penelopes ihre täglichen Rivalitäten austragen: Penelope is watching you!

«Da sind die Textbücher verlorengegangen», raunt ein Herr in der Reihe hinter mir seiner Sitznachbarin zu, als nach einigen Minuten immer noch kein Wort auf der Bühne gesprochen wurde. In dieser Stille bleibt genug Zeit, sich die Bühne zu erschließen, doch entspannt ist die Ruhe nicht. Die Freier, die aus ihren Unterschlüpfen hervorkriechen, ähneln Raubtieren - geschuldet nicht nur den Unterhosen mit Leopardenmuster - wie sie sich gegenseitig beobachten und die Hierarchie klarstellen. Odysseus taucht nicht einmal auf, die Aussicht auf seine baldige Rückkehr verschärft jedoch die Spannung und schwebt wie ein Damoklesschwert über den Männern, die es sich im Swimmingpool gut eingerichtet haben. Also kämpfen sie noch einmal mit allen Mitteln um Penelopes Gunst. Und um ihr Leben.

Die Stärke der Inszenierung sind eindeutig Kontraste und Abwechslungsreichtum: auf Stille folgen rasante Dialoge, selbst in der Verzweiflung besticht noch Wortwitz und während Dunne (Torsten Bauer) es vor Mikrophon und Überwachungskamera mit einer an DSDS erinnernden Show versucht, setzt Fitz (Hartmut Stanke) eher auf eine poetische, unaufdringliche Art der Werbung. Quinn, der mit psychischer und physischer Gewalt terrorisierende Tyrann (Michael Witte), fährt schließlich die ganz großen Geschütze auf und lässt dabei den kuschenden Burns (Peter Waros) für sich den Hampelmann machen. Ob als Romeo, als Julia oder Amor persönlich, Quinn wirbt mit selbstverliebter Sicherheit um die von einem Steg über dem Zuschauerraum aus beobachtende Frau. Die One Man Show wird jäh dadurch beendet, dass die drei Männer Quinn erstechen, wobei Burns sich schließlich aus seiner Unterwürfigkeit löst. Peter Waros, dem nach einer endlos scheinenden Klamauk-Arie ein beeindruckender Bruch gelingt, richtet seinen rührenden Schlussmonolog an die sich schon abwendende Penelope, über die Köpfe des Publikums hinweg, das am Ende des Tages von einem starken, spielfreudigen Ensemble aus dem Theater entlassen wird.

Tag 2: Des «Theater-Hoppings» zweiter Teil

Am Sonntag trennen sich die Wege, wenn auch nur für die ersten beiden Aufführungen. Während ein Teil der Zuschauer zuerst «Ein Traumspiel» von Emine Sevgi Özdamar (Türkei) in Moers zu sehen bekommt, sitzt der andere Teil im Mühlheimer Theater an der Ruhr. In Moers findet die Aufführung in einer Tennishalle statt. Regisseur Ulrich Greb hat die Umkehrung der Homer-Odyssee inszeniert, in der es um eine junge Frau aus Istanbul geht, die sich auf den Weg nach Europa macht. Auf welcher Seite der Grenze Heimat liegt, wird hier als reine Frage der Perspektive dargestellt. Das Projekt «Odyssee Europa» stellt insgesamt unergründlicherweise den Anspruch an sich, die Entwicklung Europas, Identitätsfragen und interkulturelle Thematiken mit Kunst zu verbinden. Begegnungen mit ein paar fremden Ruhrgebietsbewohnern und sechs voneinander relativ unabhängige Inszenierungen in einem eher auf Unterhaltung ausgelegten Rahmen erfüllen dies allerdings bei weitem nicht.

Mühlheim zeigt den letzten Teil der textgewaltigen Inszenierung (Roberto Ciulli) gar im Freien. Péter Nádas (Ungarn) «Sirenengesang», ein Gesang über Krieg und Wirtschaft, Gewalt und Herrschaft, Eltern- und Kindergenerationen, endet auf einer Müllkippe im Park hinter dem Theater. Der in der Vorlage keiner konkreten Figur zugeordnete Text ist auf der Bühne verteilt, jedoch eher nach Beziehungskonstellationen als nach Charakteren. Und so sprechen die Mütter aus den drei Mutter-Sohn-Paaren schließlich übereinander zu ihren Söhnen: «Zieh dir ein Halstuch an. Mir zuliebe», als ahnten sie, dass wenig später das Publikum eben dies tun würde, bevor es sich in Regen und Wind stellt, um das Ende der Aufführung zu sehen.


Die letzte Zwischenstation vor dem theatralen Finale in Dortmund ist das große gemeinsame Gastmahl im «Depot» beim Dortmunder Hafen. In der großen, lichtdurchfluteten Halle sind lange Tafeln gedeckt und in der Mitte ist ein Büffet aufgebaut, wo den Köchen in die Töpfe geschaut werden kann.
Vom Depot aus bringt die U-Bahn die Reisenden zum Theater Dortmund. Endlich im Trockenen schließt die Odyssee mit Michael Gruners Inszenierung von «Odysseus, Verbrecher. Schauspiel einer Heimkehr» von Christoph Ransmayr (Österreich). Auch hier ist ein großer leerer Kasten auf der Bühne, diesmal jedoch beweglich und Licht ausstrahlend, wodurch er an einen Fernsehapparat erinnert (Bühne: Peter Schulz). Diese Assoziation wird verstärkt durch einen Chor aus mehreren Männern in weißer Unterwäsche, die wie eine Schulklasse schräg vor dem Kasten sitzen und das Geschehen beobachten, kommentieren, unterbrechen. Sie sind der Chor der Krüppel und Gefallenen, die Geister, die den heimgekehrten Odysseus (Jakob Schneider) bis nach Ithaka verfolgen und deren Blick er in diesem Kasten ausgeliefert ist.

Die Schauspieler tragen weiße Masken um den ganzen Kopf, Augen und die Münder sind ausgespart, an den Füßen hängen klobige schwarze Plateauschuhe, die Freier der Penelope kommen gar auf Stelzen daher (Kostüme: Gabriele Sterz). Das dadurch beeinflusste Spiel wirkt stellenweise befremdlich - «fremd» ist ohnehin ein passendes Wort zu dieser Inszenierung. Ist Odysseus zu Beginn noch froh, wieder am heimatlichen Strand gelandet zu sein, muss er bald feststellen, dass auch zu Hause die Zeit nicht stillgestanden hat. Schon im ersten Dialog mit Athene (herrlich trocken und provokant gespielt von Juliane Gruner), die ihn am Strand findet, wird deutlich, dass er seine Heimat nicht wiedererkennt. Das Wiedersehen mit seiner Frau ist der vergebliche Versuch, in der Entfremdung etwas Vertrautes wiederzufinden. «Du hast unser Leben verschlafen. [...] Ich war deine Frau» sind die ernüchternden Worte einer ohne ihren Mann gealterten Frau. Monika Bujinskis Penelope wendet sich müde und resigniert von dem Mann ab, der nicht derselbe ist, der sie einst verlassen hat, um in den Krieg zu ziehen. Sie wirkt stellenweise wie eine Hülle, die von dem übriggeblieben ist, was sich über die Jahre des Wartens Stück für Stück aufgelöst hat - die Verbundenheit zu ihrem Mann. Am Ende trägt Odysseus schließlich in sein Haus, was er aus dem Krieg mitgebracht hat, das Töten. Sein Sohn räumt die Freier aus dem Weg, wodurch nun auch er die Stimmen hört, die seinen Vater umtreiben, und an denen er verzweifelt.

Nach zwei Tagen Fahrt durch das Ruhrgebiet, dem leider das stereotype Bild von Außenstehenden aufgezwungen wurde, bleibt der Eindruck, dass dank der Kooperation der Theater doch für jeden etwas dabei war. Die sechs Inszenierungen sorgen durch die unterschiedlichen Profile der Häuser sowie die verschiedenen Stile der Autoren und Handschriften der Regisseure für Abwechslung und Vielfalt. Reise und Verpflegung waren gut durchdacht, wenn auch der Zeitplan stellenweise etwas zu voll war und die Einmaligkeit der Reise größtenteils Ankündigung blieb. Man kann nur hoffen, dass die jetzt gelobten Spielstätten auch nach dem Kulturhauptstadtjahr ihre Arbeit auf diesem Niveau fortsetzen können und nicht in einer finanziell abgegrasten Kulturlandschaft untergehen.
Weitere Termine: 02./03. April; 22./23. Mai 2010