Der Life-Mitschnitt vom
15. Februar 2008
ist im Büro des Katakomben-Theaters erhältlich

«vom morgenland zum abendland»

fast auf den Tag genau ein Jahr nach ihrem ersten experimentellen Auftritt
im Katakomben-Theater stehen

am Freitag, 13. Februar 2009
um 20.00 Uhr

Kazim Çalisgan und Ilse Storb

wieder auf der Bühne
und machen sich auf den Weg
«vom morgenland zum abendland».

Ein Schelm, der etwas Böses dabei denkt, daß Kazim Çalisgan zuerst erwähnt wird und die Dame ihm nachfolgt. Aber nicht zwei Schritte hinter ihm und auch nicht mit Kopftuch. Dem Titel ihres Programms entsprechend ist die Reihenfolge der Erwähnung der Künstler; denn der in der Türkei geborene Musiker, der seit 1980 in Deutschland lebt und erst ein Studium der Sozialwissenschaften absolvierte, um sich dann neben seiner praktischen Tätigkeit als Musiker auch zum Kulturmanager weiter zu bilden, schwingt sich mit diesem Auftritt zum Vertreter eines Kulturkreises auf, den man den Orient nennen kann, was immer auch dazu gehören mag.

Den anderen Part der bipolaren Kulturtopographie, die als Reise gedacht ist, obwohl sie eher aus Schlaglichtern und dem Aufblitzen interessanter assoziativer Phänomene besteht, stellt Ilse Storb dar - ihres Zeichens Jazzprofessorin -die einzige in Europa, wie sie betont- und klassische Pianistin. Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande für ihre Arbeit «Völkerverständigung durch Musik».

In dem Pressegespräch im Katakomben-Theater spürt man, wieviel Energie und Leidenschaft Ilse Storb für ihr Fach besitzt. Kurze Presseerklärungen sind ihre Sache nicht. Wenn nur die Geduld ihrer Zuhörer in Anspruch genommen und auf die Probe gestellt würde, wäre es ja nicht so schlimm. Wenn Ilse Storb erzählt, verlangt sie ihren Zuhörern sehr viel Musiktheorie und Allgemeinwissen ab. Und sie duldet keine Unaufmerksamkeit.

«Bei einem Gespräch mit einer Journalistin», erzählt Kazim Çalisgan, «ist Ilse schier ausgerastet. Sie erzählte und erzählte, und bemerkte irgendwann, daß ihr Gegenüber gar nicht mitschrieb!» Da treffen zwei «untypische» Originale aufeinander. Wenn Ilse Storb den deutschen Part des angekündigten «deutsch-türkischen» Dialoges verkörpert, taucht die Frage zwangsläufig auf: was zum Teufel macht «den typischen Deutschen» aus? Es spiegeln und brechen sich sehr viele kulturelle Strömungen und Einflüsse in den beiden Künstlern und sie werfen allein durch die Sammlung ihrer Beiträge für den musikalisch-literarischen Abend einen äußerst individuellen, eigenwilligen Blick auf ihre Kulturen, die durch kein Nadelöhr national-ethnischer Begrifflichkeit passen.

Wenn Kazim Çalisgan auf seiner Cura, einem Miniatur-Saz (Laute), ein inhaltlich dem Minnesang ähnliches Rembetiko-Liedchen zupft und anstimmt, ist es eine schwer deutbare Performance. Er entlarvt das Klavier als technisch Überlegen und seinem Davul (eine große Trommel) als ein musikalisches Instrument der osmanischen Militanz.

Ob es die osmanischen Heerscharen sind oder die Kreuzritter des Heiligen Römischen Reiches um 1150, denen auch der Schwabenfürst Friedrich Barbarossa angehörte, die Schlaglichter fallen auf die unterschiedlichsten Kulturphänomene zwischen dem Morgen- und dem Abendland, ohne daß sie tatsächlich erhellen, was es an transkulturellen Wanderungen gegeben hat. Die Unterschiede zwischen den Menschen können neben ethnischen Augenfälligkeiten wie Haut-, Augen- oder Haarfarbe auch die Mentalität betreffen. Sie aber zu kulturellen Unterschieden zu machen, dient nur dazu, die Gräben zu vertiefen. Denn es bleibt dabei, daß die monotheistischen Weltreligionen ebenso miteinander verwandt sind wie viele kulturelle Praktiken, ob es Musikmachen, Heilige-Schriftenverehren, Gottesdiensteabhalten oder Kriegführen ist.

Die Völker verstünden sich schon und bedürften nicht großer Dolmetscherkünste, wenn man sie nur ohne Machtinteressen und Territorialansprüche einander begegnen ließe. Alles andere an Völkerverständigung ist Verlogenheit und Propaganda.

Ilse Storb und Kazim Çalisgan begegnen sich als zwei Individuen und repräsentieren insofern ihr eigenes Kultur(selbst)verständnis. Ihre Interpretationen, so zum Beispiel des Deutschlandliedes, sind nicht immer nachdenklich, häufig bedenklich und manchmal bedenkenswert. Zwei nette Menschen - es ist eben EIN türkisch-deutscher Dialog, von dem man sich nicht genug erhoffen kann.

Uri Bülbül