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Erinnern sollte nicht zur Denkmalspflege verkommenIn diesem Sinne beschäftigt sich das Archiv für Kulturarbeit (kurz: KulturArchiv) mit Interdependenzen, Interferenzen und Korrelationen zwischen Kultur-Arbeit-Bildung. So weit der Anspruch des KulturArchivs des Bundesverbands Studentische Kulturarbeit e.V. Über diesen Anspruch hinaus gibt es nicht viel an Aktivitäten und aktuellen Dokumenten in ihm, das seit dem Ende des Jahres 2011 vorläufig aus dem Textzentrum-Essen in den Keller des Katakomben-Theaters verbannt wurde. Aber auch das Katakomben-Theater Essen, das eine Kulturakademie-Ruhr gegründet hat, kann nicht lange die alten Unterlagen des Bundesverbandes Studentische Kulturarbeit beherbergen, auf deren Analyse und Auswertung die aktuellen Theorie- und Bildungsaktivitäten des Archivs basieren sollten. Im ersten Quartal 2012 soll ein Konzept entwickelt werden, wie die Theorie der Kulturarbeit mit Bildungsveranstaltungen fortgeführt und interessant und attraktiv gestaltet werden kann. Die große Frage ist derzeit: Kann das KulturArchiv zur inhaltlichen Bereicherung der Kulturakademie-Ruhr beitragen? Eine mögliche Grundlage könnte die kulturpolitische Weiterbildung von AStA-ReferentInnen sein, was auch früher schon zu den Aufgabenbreichen des Bundesverbandes für Studentische Kulturarbeit gehörte. In diesem Zusammenhang muss deutlich werden, dass der Begriff des „Archivs“ im Foucaultschen Sinne verstanden wird. Es handelt sich nicht um einen Sammlungs- und Aufbewahrungsort, von unterschiedlichen Medien wie Schriften, Bildern, Filmen und Tonaufzeichnungen. Vielmehr wird hier „Archiv“ verstanden als: „...das Spiel der Regeln, die in einer Kultur das Auftreten und das Verschwinden von Aussagen, ihr kurzes Überdauern und ihre Auslöschung, ihre paradoxe Existenz als Ereignisse und als Dinge bestimmen.“1 Diese Regeln haben etwas mit der Ordnung des Diskurses zu tun, mit der Hegemonie von Ansichten und der Macht ihrer Träger.2 Und die Ordnung des Diskurses an den Universitäten hat sich so verändert, dass sie zu „Hochschulen“ geworden sind, zu Ausbildungsstätten mit einem festen und kanonisierten Wissen für ihre Nutzer; sie dienen nicht mehr als ein freier Ort der Wissenszirkulation und des Wissensaustauschs, des Experiments und der Dispute; sie sind kein Ort der systematischen Gesellschafts- und Systemreflektion; sie sind kein Ort der freien -auch zweckfreien- Grundlagenforschung. Vielmehr sind sie nun als „Hochschulen“ Ausbildungs- und Qualifizierungsstätten für Berufe im utilitaristischen Produktions-, Wirtschafts- und Verwaltungsgefüge. Hier hat eine kulturelle Verarmung ungeheuren Ausmaßes eingesetzt, und so sägt die Ordnung des modernen Diskurses an dem Ast, auf dem sie eigentlich sitzt. Wenn Wirtschaftlichkeit und Effizienz über alle weiteren Kriterien gesetzt werden wie zum Beispiel über die Kriterien der Kritik und Innovativität, kann kaum noch wirklich Neues entstehen. Sondern das Neue reduziert sich dann auf den erwarteten Fortschritt, auf die Weiterentwicklung des bereits Bestehenden. Im KulturArchiv finden sich aber Zeugnisse des Widerstands gegen die Fortführung des Bestehenden, Zeugnisse der Innovation, Zeugnisse der Resonanzschwingungen, die die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen. Ein KulturArchiv der freien Kulturarbeit und der freien Kulturszene muss genau dieses Spiel der Regeln um das Wissen von der subversiven Kraft des Phantastischen immer wieder in den Blick rücken, wo die normative Kraft des Faktischen alles zu ersticken droht. Daher sollte ein Kapitel der Archivarbeit im BSK-Archiv auch „KulturArbeit als Kritische Wissenschaft“ heißen. Im Grunde hat dieses Kapitel nichts an Aktualität eingebüßt, nur ist es dem KulturArchiv nicht gelungen, die nötige Organisationskraft zur Verbreitung dieses Themas aufzubringen. Ob sich die Kulturakademie-Ruhr dieses umfassenden Themas und der großen Aufgabe eines KulturArchivs annehmen kann, wird sich in nächster Zukunft erweisen. Es kann aber durchaus sein, dass die Betreiber der Kulturakademie-Ruhr gerade in der Anfangsphase die schwerwiegende Aufgabe als eine zu große Belastung empfinden. Fußnoten 1 Michel Foucault: Über die Archäologie der Wissenschaften. Antwort auf den Cercle d'épistémologie. In: Ders.: Schriften in vier Bänden, Bd. 1. Frankfurt/M. 2001, S. 887-931, hier: S. 902. Vgl. auch Wolfgang Ernst: Das Rumoren der Archive. Ordnung aus Unordnung. Berlin 2002 2 „Das Archiv ist hier kein Gebäude, kein Ort, sondern eine Institution der Gesellschaft, eine Praxis, die über Inklusion und Exklusion entscheidet hinsichtlich der Frage, was kulturell relevant ist und was nicht. Dieser erweiterte, metaphorische Archiv-Begriff ist meines Erachtens (auch wenn er von der Archivwissenschaft nicht immer für fruchtbar gehalten wird), derjenige, an den es für den Schriftsteller zunächst anzuknüpfen gilt. Sicherlich muss ein Autor auch Bibliotheken und Archive im herkömmlichen Sinne aufsuchen und dort recherchieren. Aber für sein Werk muss er das gleiche Verfahren der Inklusion/Exklusion anwenden: Er ist ein Gast in einem Archiv und findet sich wieder umgeben von einer Fülle an Material. Ein Mitarbeiter stellt ihm eine Auswahl aus dem Bestand zur Verfügung, die er nun vor sich liegen sieht: Akten, Bücher, lose Zettel in einem Karton. Was ist damit anzufangen? Mit welcher Erwartung ist der Autor überhaupt ins Archiv gekommen? Sucht er etwas ganz bestimmtes oder ist seine Suche einer Schatzsuche vergleichbar? Wird er enttäuscht sein, wenn er ein bestimmtes Dokument nicht findet? Oder lässt er sich von der Fülle des Materials überraschen? Im ersten Fall wird er das Archiv rasch verlassen und ein anderes aufsuchen, das ihm Auskunft über den gewünschten Gegenstand geben könnte. Im zweiten Fall steht er vor dem Problem der Auswahl. Was wird er auswählen und aus der Versenkung befördern? Welches Element verlässt das Archiv, um wieder in das Alltägliche zurückbefördert zu werden, indem es eine neue Aktualität erhält? Hier setzt der Schriftsteller (aber genauso gut der Wissenschaftler) an der Stelle wieder ein, die das grundlegende Charakteristikum des Archivs ausmachte: das Bewahren für einen späteren Zeitpunkt. Diesen Zeitpunkt bestimmt nun derjenige, der Einsicht in den Bestand nimmt (und es dem Geheimen entreißt).“ Adrian Kasniz: Das endlose Archiv der Lücken. Vortrag auf der Tagung „Wohin mit dem ganzen Papier“ des Rheinischen Literaturarchivs, Köln, 4. Dezember 2006 |