«Wir waren heute beim Türken»

Am 16. Mai 2014 beginnt zum sechsten Mal die Deutsch-Türkische Kabarettwoche im Katakomben-Theater: «Achmet, lach nett!» Schon in den Vorjahren gab es Überlegungen, diese Woche nicht einfach mit einer Aneinanderreihung von Kabarett-Veranstaltungen durchzuführen, sondern auch dem Ganzen eine theoretische und kulturphilosophische Würze mit passenden Vorträgen und Diskussionen zu geben. In diesem Jahr endlich kommt eine Kooperation mit KWI-Essen zustande, was Dr. Halyna Leontiy zu verdanken ist, die «Migration und Komik» erforscht.

Uri Bülbül probiert sich als Komiker und interviewt Dr. Halyna Leontiy.


Uri Bülbül: Du bist die Wissenschaftlerin...

Dr. Halyna Leontiy: Vermutlich.

Uri Bülbül: ...und untersuchst den Humor?

Dr. Halyna Leontiy: Ja, Komik in allen ihren Formationen, Ausdrucksweisen, Stilistik und eben auch die subjektive Empfindung wie Humor.

Uri Bülbül: Und arbeitest am Kulturwissenschaftlichen Institut?

Dr. Halyna Leontiy: Ja, genau so ist es. Hier in Essen. Und ich habe ein Forschungsprojekt, in dem die Komik von Deutsch-Türken und Russlanddeutschen untersucht wird - und zwar sowohl auf der Bühne, also das, was die Künstler auf der Bühne machen, als auch im Alltag, was Menschen in ihrem Alltag, in ihren Gesprächen verarbeiten. Gibt es da etwas zu lachen? Ist es etwas Komisches? Was Ernstes?

Uri Bülbül: Und du warst beim Türken? Das ist dein Veranstaltungstitel: Du warst beim Türken, sagst du.

Dr. Halyna Leontiy: Nein, das würde ich nicht sagen. Das ist ja... das würde ich als Diskriminierung empfinden, wenn man so etwas sagt.

Uri Bülbül: Jaaaa?

Dr. Halyna Leontiy: Ich denke, das machen viele Comedy-Künstler, um diese Klischees (ist ein Türke, ein Russe, ein Deutscher usw.) aufzubrechen. Wir sind alle multikulturell...

Uri Bülbül: Wie? Sind wir jetzt nicht alle Türken?

Halyna Leontiy: Genau ;)

Uri Bülbül: Ich finde schon. Ich kann das von mir behaupten, ich, auf jeden Fall, bin Türke! Du auch?

Dr. Halyna Leontiy: Ich bin in einem anderen Land geboren, als in dem, in dem ich lebe und arbeite...

Uri Bülbül: Ich auch...

Dr. Halyna Leontiy: Das ist schon mal etwas, was uns verbindet. Es gibt hier Millionen von Menschen - und zwar rein statistisch gesehen zwei große Gruppen, Deutsch-Türken, ehemalige «Gastarbeiter» und deren Nachkommen...

Uri Bülbül: Ehemalige Türken.

Dr. Halyna Leontiy: Ehemalige Türken - ja, genau ;)

Uri Bülbül: Sie wurden dann zu Deutschen.

Dr. Halyna Leontiy: Sie wurden dann zu diesem Begriff: «Deutsche mit Migrationshintergrund». Also die Begriffe verändern sich. Und die Menschen müssen irgendwie auf diese Begriffe reagieren.

Uri Bülbül: Wie würdest du den Unterschied zwischen Humor und Komik definieren? Worin besteht er?

Dr. Halyna Leontiy: Komik im engeren Sinne ist eben stilisierte Komik. Und Komik im weiteren Sinne ist ein Oberbegriff für alle Erscheinungsformen des Komischen. Und Humor ist subjektiv. Wenn ich etwas für mich als komisch empfinde, zeige ich Humor, wenn ich schwierige Lebenssituationen lachend bewältige, zeige ich Humor, um nicht verbissen zu sein und nichts kaputt zu machen.
Dadurch kann man auch sehr viel heilen, würde ich sagen - auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich bin ja Soziologin, und Soziologen beschäftigen sich mit dem, was Menschen tun - mit sozialem Handeln.

Uri Bülbül: Ja, das wollte ich dich auch gerade fragen: du bist Soziologin und wirst bezahlt für deine Forschung... von wem? Wer gibt Geld dafür?

Dr. Halyna Leontiy: Das Forschungsprojekt wird finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Uri Bülbül: Nicht von der deutsch-türkischen Forschungsgemeinschaft?

Dr. Halyna Leontiy: Nein, die Forschung muss objektiv sein. Sie kann nicht von irgend welchen Interessensvertretern finanziert sein.

Uri Bülbül: Verstehe. Aber wieso von den Deutschen? Die sind doch nicht objektiv. Moment. Das verstehe ich jetzt nicht. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist objektiv und die deutsch-türkische nicht? - Ach so, nein, die sind deine Geldgeber. Entschuldigung. Nein, die sind natürlich objektiv. Aber die deutsch-türkische Forschungsgemeinschaft - das kann ich dir sagen - die ist überhaupt nicht objektiv. Die hat einen Migrationshintergrund.

Dr. Halyna Leontiy: Ach so, die hat etwas im Hintergrund, Untergrund und im Vordergrund...

Uri Bülbül: Nein, die spielen sich doch selber in den Vordergrund. Und da kommen dann so schräge Typen wie ich, spielen sich in den Vordergrund und interviewen seriöse Wissenschaftlerinnen.

Dr. Halyna Leontiy: Ja, seriös eben. Das Forschungsprojekt hat ja etwas mit Komik zu tun, hat einen sehr langen Titel: «Migration und Komik - soziale Funktionen und konversationelle [interaktionale] Potentiale von Komik und Satire in den "inter- und intraethnischen" Beziehungen Deutschlands». Aber eigentlich untersuchen wir zum Beispiel Kabarett und Comedy. Natürlich gibt es da auch sehr viel zu lachen. Andererseits wenn man das wissenschaftlich untersucht, dann ist das eine ganz normale Arbeit in Analyseeinheiten -dann hat das wenig mit Komik zu tun- ist das eine penible, detaillierte Arbeit. Wir versuchen, unterschiedliche Typen von Komikern zu untersuchen. Aber andererseits findet man auch sehr viele Wiederholungen. Wenn man einen Witz zum 100. Mal sieht, hört, liest, ist das auch nicht mehr so witzig.

Uri Bülbül: Aber die Türken machen doch nicht denselben Witz zum 100. Mal!

Dr. Halyna Leontiy: Nein, das ist zum Glück nicht so. Aber es gibt z.B. diesen Merkel-Witz - kennst du ihn?

Uri Bülbül: Neee. Ich kenne keinen Merkel-Witz.

Dr. Halyna Leontiy: Wie lange ist Merkel schon in Deutschland?

Uri Bülbül: Ja, wie lange ist denn Merkel in Deutschland?

Dr. Halyna Leontiy: Also, die Türken sind schon länger da.

Uri Bülbül: He, he, das stimmt aber! Das ist doch kein Witz!

Dr. Halyna Leontiy: Diesen Witz wiederholen sie immer wieder.

Uri Bülbül: Ja? Echt? Ich höre ihn zum ersten Mal.

Dr. Halyna Leontiy: Ja, vielleicht kennst du die deutsch-türkischen Komiker nicht?

Uri Bülbül: Nö, überhaupt nicht. Damit habe ich überhaupt nichts zu tun. Mich hat es hierhin verschlagen, warum auch immer!

Dr. Halyna Leontiy: Okay, aber es gibt in diesem Theater eine deutsch-türkische Kabarettwoche.

Uri Bülbül: Nein! Wann soll das denn sein?

Dr. Halyna Leontiy: Ich glaube, irgendwann im Mai.

Uri Bülbül: Im Mai? Nö, ich weiß nichts davon. Das müssen wir gleich den künstlerischen Leiter fragen, den Theaterdirektor. Der muss es doch wissen.

Dr. Halyna Leontiy: Mich würde sehr interessieren, warum so etwas veranstaltet wird, was es bedeutet...

Uri Bülbül: Damit die Leute lachen wahrscheinlich.

Dr. Halyna Leontiy: Ist Kabarett immer zum Lachen?

Uri Bülbül: Fragst du mich das?

Dr. Halyna Leontiy: Ja, als Philosophen.

Uri Bülbül: Ach, als Philosophen. Ja, ja, eigentlich sollte das Kabarett zum Lachen sein.

Dr. Halyna Leontiy: Und was ist der Unterschied zur Comedy?

Uri Bülbül: Kabarett ist zum Lachen, Comedy ist einfach lächerlich!

Dr. Halyna Leontiy: Das ist eine interessante Definition. Also ich würde sagen: Kabarett hat auch eine aufklärerische Absicht. Es reagiert auf gesellschaftlich-politische Ereignisse. Es muss etwas kritisieren; es muss etwas satirisch verarbeiten, darf auch bissig sein. Es hat also auch eine ernsthafte Grundlage. Es soll die Menschen auch zum Nachdenken bringen - z.B. über Vorurteile und Klischees.

Uri Bülbül: Dr. Halyna Leontiy vom Kulturwissenschaftlichen Institut, vielen herzlichen Dank für dieses Interview.