|
![]() Das PostdramaEnsemble des Katakomben-Theaters präsentiert«Ein Koffer voll Welt»«Wir spielen ein Theater der gebrochenen Stücke»12./13. November 2011 um 20.00 Uhr im Katakomben-Theater Essen Eintritt: 10 Euro/ ermäßigt: 5 Euro Die Theaterarbeit beginnt mit spontanen Improvisationen. Das Thema ist völlig frei gestellt. Die Schauspieler haben drei Minuten zu spielen. Als Anhaltspunkte gibt es drei Momente: 1. Raum; 2. Sprache; 3. einen Gegenstand - etwas ganz Elementares zum Beispiel einen Stuhl. Es dauert nicht lange, bis jemand auf die Idee kommt, den Kleiderständer zum Leben zu erwecken. Er wird zum allgegenwärtigen aber schier teilnahmslos stummen Vater. Der Raum erinnert plötzlich an eine enge und einengende Wohnung wie etwa in «40qm Deutschland». Und im Koffer ein rotes Kleid und Schminkzeug. Oder in einer anderen Szene Yoricks Schädel, des Königs toter Hofnarr in Hamlets Hand. Ironisiert wird ein klassisches Theaterklischee: Hamlet nimmt den Schädel in die Hand und setzt zu seinem Sein-oder-Nicht-Sein-Monolog an. Oder der Raum wird zu einer Psychiatrie-Zelle für eine multiple Persönlichkeit. Dies und eine Menge mehr hat sich das PostdramaEnsemble erspielt und ausgedacht. «Ein Koffer voll Welt» nicht nur für Theaterkenner. Mitwirkende:Demian BülbülUri Bülbül Kazým Çalýþgan Tülin Geçit Salomé Klein Gülden Koç Marcin Langer Abdulkadir Parasýz Ümran Pargan Kaan Yüce Selami Yüce FAQWas heißt "postdramatisches Theater"?![]() Der Ausdruck geht auf Hans-Thies Lehmann zurück, der in seinem theaterwissenschaftlichen Buch Theaterformen untersucht, die sich vom klassischen Theatertyp und auch vom epischen Theater abheben. Wir verstehen unter postdramatischem Theater eine Theaterform, die minimalistisch (ohne viele Requisiten, Bühnenaufbauten und Kulisse, Maske und Kostüme) sich aus dem bei den Proben improvisierten Spiel heraus entwickelt und sich auf das Spiel konzentriert, ohne Sinn zu transportieren, ohne sich auf eine Geschichte/Fabel zu stützen und ohne einer Spannungskurve zu folgen. Gespielt werden lose Szenen, worin sich teilweise das Spiel selbst ironisiert, das Dramen-Theater persifliert und voller Andeutungen und Entlehnungen steckt. Das Postdramatische Theater löst sich von einer darzustellenden Geschichte und von einer mimetischen Abbildung der Welt. Es werden keine Charaktere oder charakteristische Situationen nachgestellt und nachgespielt. Vielmehr steht das Spiel für sich selbst. Ist damit das postdramatische Theater sinnlos? Nein. Der Sinn entsteht im Nachhinein beim Betrachten des Spiels. Erst kommt das Spiel, danach der Sinn, den man als Zuschauer und Spieler sehen kann. Das Spiel beginnt nicht mit einer Botschaft oder mit einer ideellen Vorlage, die nachgespielt werden soll. Das Theater beginnt mit dem Spiel. Geht das auch konkreter? Nehmen wir ein Beispiel: im dramatischen Theater könnte man den Verrat an einem König spielen oder den Betrug in einer Ehe. Man spielt einen König nach (Mimesis) und man spielt Situationen nach: Verschwörung oder Lüge. Beim Postdrama stehen zwei Menschen auf der Bühne. Ein Mann und eine Frau. Und ein Gegenstand ist vorhanden: ein Koffer. Die Frau nimmt plötzlich den Koffer und fängt an, den Mann anzuschreien und zu beschimpfen. Sie hätte aber auch den Koffer dem Mann überlassen können. Oder er hätte sie in die Hand nehmen und der Frau darin etwas zeigen können. Er hätte aber auch die Absicht haben können zu gehen. Und sie hätte vielleicht versucht, ihn zurückzuhalten. Oder sie hätte ihm nachgewunken, wäre traurig oder froh gewesen. Aber stellt das nicht auch Situationen nach? Ja, das Spiel ist nicht inhaltsleer. Es wird immer etwas gespielt. Man kann auch versuchen nichts zu spielen - d.h. das Nichts zu spielen. Aber so grenzwertig will das PostdramaEnsemble gar nicht sein. Wichtig ist, dass keine Situation, kein Inhalt, keine Geschichte vorgegeben ist. Das Spiel, die Geschichte, existiert nicht zuvor in einem Text, es gibt keine von vornherein festgelegten Handlungs- und Regieanweisungen für die Schauspieler. Wozu braucht man dann überhaupt noch einen Regisseur? Oder kommt das postdrama ohne Regie aus? Unser PostdramaEnsemble hat Regie und viele Co-Regisseure. Alle Schauspieler, die in einer Szene nicht spielen, versuchen sich mit Ideen und Kritik einzubringen oder aber sie bringen sich direkt spielerisch in die Szene ein, womit sich alles verändert. Das ist in der ersten Phase der Proben sogar erwünscht und angestrebt. Die Regie hält sich zurück und lässt entwickeln und diskutieren. In der zweiten Phase stellt sich die Regie einigen Entscheidungen, d.h. es wird eine Richtung bestärkt und ausgesucht. In der dritten Phase letztlich wird Regie geführt, wenn die Szene im Wesentlichen steht aber noch einen Feinschliff braucht. Und die eigentliche Regieleistung liegt in der Umsetzung der Grundidee und in der Entwicklung der Szenenabfolge. Auch die Szenenübergänge müssen entwickelt werden. Außerdem braucht jeder Spieler einen Beobachter, weil er sich selbst nicht beobachten kann. Wie setzt das PostdramaEnsemble seine Arbeit fort? Nach der Premiere und der Aufführung am Sonntag gehen die Proben weiter. Wir kehren teilweise zur ersten Phase zurück, nehmen neue Interessenten und Mitspieler auf, lassen sie experimentieren und ausprobieren; wir probieren alle neue Szenen aus und Spielen wieder von Null an. Teilweise werden die bisherigen Bilder bestimmt wieder aufgenommen und variiert. So entstehen Spielthemen, Muster und Spielarten. Kann man bei den Proben zusehen? Ja, nicht gerade kurz vor einer Aufführung. Aber die erste Phase des Spiels lädt geradezu zum Zusehen ein. Man kann auch mitdiskutieren und mitmachen. Steht der Termin für die nächste Aufführung schon fest? Unserer Erfahrung nach, die wir bisher sammeln durften, glauben wir, dass wir im März 2012 wieder zu einer Aufführung gelangen. Dass wir «Ein Koffer voll Welt» in der jetzigen Version noch häufiger aufführen, ist eher unwahrscheinlich und von der Regie auch nicht gewollt. Das postdramatische Theater hat auch viel mit der Lebendigkeit und Einmaligkeit der Bühnenperformance zu tun. Kostet es etwas, beim Ensemlbe mitzumachen? Oder bekommt man vielleicht selber eine Gage? Nein. Es kostet kein Geld und man bekommt auch keine Gage. |