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Musik, Mythos, Migration

Ein Interview mit dem Leiter des Katakomben-Theaters Essen, Musiker und Musikmanager: Kazým Çalýþgan

Uri Bülbül: Ich würde gerne deine Künstlerbiographie ein wenig beleuchten. Dann sollten wir aber auch über den Ist- und Sollzustand der Interkultur- und Integrationsarbeit in Essen sprechen.

Kazým Çalýþgan: Fangen wir bei meiner Kindheit an: Ich bin am 16. August 1963 in Malatya im Dorf Alvar geboren. Schon in dem Namen des Dorfes Alvar steckt ja eine Geschichte. Da ist ein großer Stein, der mir, als ich ein Kind war, noch viel größer vorkam. Der Legende nach ist das ein heiliger Stein, und wer ihn umarmt und es schafft, dass seine Fingerspitzen sich berühren, kann sich etwas wünschen.

Im Islam gibt es verschiedene Richtungen, unter anderem auch eine mystische, die ihre Wurzeln in Asien hat. Im heutigen Usbekistan muss es einen großen Heiligen namens Ahmet Yessevi mit Jüngern gegeben gegeben haben. Je nach Erzählweise wird die Anzahl der Jünger mit zwölf oder mit vierzig angegeben. Beides heilige oder mystische Zahlen. Nicht nur im Islam.

Nach der Ausbildungszeit seiner Jünger machte der große Heilige Ahmet Yessevi ein Feuer, nahm brennende Holzscheite und schleuderte sie in irgend eine Himmelsrichtung und gab so seinen Jüngern einzeln die Richtung an, in die sie ihren Weg zu gehen hatten. Ein anderer Heiliger aus Istanbul nahm sich Ahmet Yessevi zum Vorbild, warf aber keine Fackel in die Richtung, in die er seine Jünger schicken wollte, sondern einen Stein. Und genau dieser Stein flog aus Istanbul bis Malatya und ein Stück weiter und wurde der Wunschstein in unserem Dorf Alvar, was soviel bedeutet wie «ergreif ihn und du bist am Ziel». Einer der Jünger hieß Kabak Abdal, der ein Kloster bei uns im Dorf gründete.

Uri Bülbül: Ich weiß gar nicht, ob in diesem Zusammenhang das Wort Kloster überhaupt so passend ist. Man verbindet damit christliche Enthaltsamkeit oder das Motto ora et labora, bete und arbeite. Wie heißt denn so ein Derwisch-Kloster wie in eurem Dorf auf Türkisch?

Kazým Çalýþgan: Tekke. Aber auch ein bißchen Enthaltsamkeit gehört auch zur Idee eines Tekke. Vor allem aber ist in Alvar im Tekke auch das Grab des Kabak Abdal. Mindestens einmal im Jahr kommen die Leute dahin, um Opfergaben darzubringen und gemeinsam zu feiern. Da wird Musik gemacht, gegessen und getrunken, gefeiert und getanzt. Es ist ein bißchen wie eine Cem-Feier nach Alevitischem Brauch.

Die Enthaltsamkeit bei der Idee eines Tekke ist allerdings wirklich anders als die im Christentum, würde ich sagen, sie hat auch etwas mit Vorfreude zu tun. Bei uns geht es nicht um Askese. Wenn ich da bin, fühle ich mich richtig wohl und frei. Mit der Enthaltsamkeit wird bei uns locker umgegangen und sie dient wirklich der Lebensfreude. Immer wenn ich in unserem Dorf bin, besuche ich auch das Tekke auf dem Berg.

Da ich in meiner Kindheit nicht lange im Dorf gelebt habe und wir sehr früh weggezogen sind, erinnere ich mich eigentlich nur ein einzelne Kleinigkeiten und an das Tekke. Von Alvar sind wir nach Fetiye umgezogen. Fetiye liegt noch näher an Malatya und ist auch deutlich größer als Alvar. Fetiye ist ein altes armenisches Dorf; meine Tante väterlicherseits hat dorthin geheiratet.





Listen mit Menschen als «Gastarbeiter»


Mein Vater hat das Lyceum nicht abgeschlossen, hat also kein Abitur gemacht. Er fand eine Anstellung in einer Kooperative der Republikanischen Volkspartei (CHP) und hatte die Aufgabe die Listen der Menschen zusammen zu stellen, die als Gastarbeiter nach Deutschland wollten. Mein Vater erledigte die ganzen Formalitäten für die Gastarbeiteranwärter. Ich war so etwa drei Jahre alt. Mein Vater hat diese Arbeit drei, vier Jahre lang gemacht. Und ich erinnere mich auch an Gespräche in unserer Familie, in denen gesagt wurde, mein Vater sollte auch nach Deutschland gehen, für ein, zwei Jahre. Da könne er gutes Geld verdienen und wieder zurück kommen. Und tatsächlich hat sich auch mein Vater Anfang der 70er Jahre nach Deutschland auf den Weg gemacht. Meine Mutter, meine Schwester und ich sind dann von Fetiye nach Malatya umgezogen. Wir wohnten dort bei meinen Großeltern mütterlicherseits. Und etwa ein Jahr später ging auch meine Mutter nach Deutschland. Erst blieben meine Schwester und ich bei der Oma. Aber mein Opa väterlicherseits wollte mich so gerne bei sich haben, weil ich der älteste Enkel war. Ein bißchen hat er sich sogar darüber gefreut, dass mein Vater nach Deutschland ging, weil er mich bei sich aufnehmen und nach alevitischer Tradition zu einem Dede erziehen wollte, der er selber auch war. Eigentlich war ich gar nicht dagegen. Ich selbst hatte auch Lust darauf. Mein Opa hat mich nicht dazu gezwungen. Ich machte diesen Schritt freiwillig, auch wenn ich es später manchmal etwas langweilig und eng fand.

Dedes sind alevitische Geistliche. Sie ziehen von Dorf zu Dorf, halten die Gemeindefeiern ab, die Cem-Feiern, wo das ganze Dorf zusammenkommt. Es wird gemeinsam gesungen, gesprochen, erzählt, diskutiert und auch der Sema-Tanz getanzt, wie man es hier allgemein von den Derwischen kennt, die sich im Kreis drehen und manchmal dadurch in Trance geraten. Der Dede ist wie ein Weiser, ein Richter, ein bißchen Psychoanalytiker, ein Therapeut, ein Schlichter und auch ein Arzt. Er muss bei manchem körperlichem Leiden auch Rat wissen, eine Empfehlung aussprechen, eigentlich muss ein Dede Wunder vollbringen. Das ist natürlich nicht einfach. Aber irgendwie ist es doch einfach, denn die Leute müssen nur daran glauben.

Der Dede hat einen festen Kreis von Dörfern, die er immer wieder aufsucht. Je nachdem, wie groß dieser Kreis ist, und was der Dede sonst noch zu tun hat, kommt er in regelmäßigen Abständen von einigen Monaten bis einmal im Jahr in ein bestimmtes Dorf. Es ist wirklich ein besonderes Ereignis für das Dorf, wenn der Dede kommt. Mittlerweile ist diese Tradition ein bißchen aufgeweicht und hier und da auch richtig verwässert worden. Es tauchten falsche Dedes auf, die die Offenherzigkeit der Menschen im Dorf mißbrauchten.

Uri Bülbül: Und von deinem Opa hast du auch das Saz-Spielen gelernt?

Kazým Çalýþgan: Ja, aber mein Vater spielte auch Saz; und auch bei uns zuhause gab es dieses Instrument. Ich spielte schon von kleinauf. Sowohl mein Vater als auch mein Opa benutzten die Saz aber eher als ein Begleitinstrument zu ihrem Gesang.

Ich weiß nicht, ob du die Geschichte von Nasreddin Hodscha kennst, in der er sich eine Saz kauft und immer mit demselben Griff in die Saiten schlägt. So hat er immer den gleichen Ton. Die Leute sagen ihm dann irgendwann, ob er denn nicht mal einen anderen Griff ausprobieren wolle; sie hätten es bei anderen Sazspielern so gesehen, dass die eine Hand immer in Bewegung sei. Darauf der Hodscha: «Die suchen noch den richtigen Ton. Ich habe ihn schon gefunden.»

So in etwa spielten auch mein Opa und mein Vater.

Uri Bülbül: Und so bist du dann bei den Suchenden gelandet.

Kazým Çalýþgan: Mein Opa hatte einen Sohn etwa in meinem Alter. Mit diesem Onkel bin ich eigentlich aufgewachsen. Wir waren Tag und Nacht zusammen. Und mussten uns eine Saz teilen. Wir wetteiferten immer darum, wer nun spielen durfte. Wir versuchten morgens besonders früh aufzustehen, um der erste zu sein. Mein Onkel war ein Riese, deutlich breiter und größer als ich. Bei einem Streit schleuderte er mich eines Tages genau auf den Sessel, auf dem sich die Saz befand. Sie ging dabei leider zu Bruch. Das hatten wir natürlich beide nicht gewollt, und es tat uns sehr, sehr leid.

Mein Vater, der davon hörte, plädierte dafür, dass jeder sein eigenes Instrument bekommen sollte. Aber das war ja nicht der Clou bei der Sache. Mein Opa ging mit der zerbrochenen Saz und mir zum Instrumentenbauer. Aber unsere Saz ließ sich nicht mehr reparieren. Wir brauchten ein neues Instrument. Dabei lernte ich den Instrumentenbauer besser kennen; mochte den Geruch von Holz in seinem Laden sehr; und er war ein sehr angenehmer Mensch, der selbst sehr schön Saz spielen und singen konnte. Obwohl er mich nicht kannte, sagte er meinem Opa: «Dieser Junge kann bestimmt sehr gut singen; er hat bestimmt eine schöne Stimme». Diese Begegnung hat mich wahnsinnig motiviert.

Von einem jungen Mann aus der Nachbarschaft, der in Ankara auf dem Konservatorium oder auf einer Musikschule studierte, ich weiß es nicht mehr so genau, erfuhr ich das erste Mal, dass man auch nach Noten Saz spielen kann.



Die «Lehrjahre» beim Opa


Uri Bülbül: Was beinhalteten die «Lehrjahre» bei deinem Opa?

Kazým Çalýþgan: Mein Opa sprach gern über religiöse Gleichnisse, über vier Türen und vierzig Räume, über die Trinität, über die Anzahl der Imame. Es waren die Äußerlichkeiten der Religion. Es kamen auch Menschen zu ihm, die Rat suchten oder über religiöse Fragen sprechen wollten. Auch dabei wurde mein Opa gern theoretisch. Als Kind interessierte mich das nicht immer so sehr. Mir waren die Gespräche manchmal zu langatmig und langweilig. Aber wie gesagt: nur manchmal. Einiges fand ich auch sehr spannend und interessant.

Es gab eine Situation, die einen kleinen Knacks im Verhältnis zwischen meinem Opa und mir mit sich brachte. Ich werde diese Situation nie vergessen: es war mitten in einem sehr kalten Winter wieder Besuch da, es wurde wieder viel geredet; und mir war langweilig. Ich hatte mich am Ofen darin vertieft, meine Fingerspitzen mit Speichel anzufeuchten und sie am Ofen zum Zischen zu bringen. Dabei verbrannte ich mir den Finger, was höllisch weh tat und ich unweigerlich aufschrie. Mein Opa wies mich heftigst zurecht - vor all den Leuten. Es war mir peinlich, und ich war lange sehr sauer auf meinen Opa und ging wirklich auf Distanz. Dabei hatte er so etwas wie eine Mentorenrolle für mich, nahm mich überallhin mit, ich nahm an vielen Sitzungen und Gesprächen teil, und ich muss sagen: ich machte das eigentlich auch sehr gerne und war auch stolz darauf. So etwas hatte er aber noch nie zuvor mit mir gemacht; er hatte nie so hart mit mir geschimpft. Ich ging wirklich monatelang auf Distanz. Wir beide hatten eine Krise miteinander.

Jedenfalls wurde viel über Theologie, Moralfragen gesprochen: hüte deine Zunge, deine Hände und deine Lenden, lüge nicht, stehle nicht und sei strikt monogam, begehre nicht die Frau deines Nächsten usw. Aber bald darauf kam die Reihe auch an die Musik. Es wurde gemeinsam gesungen und musiziert. Zu meinem Opa kamen auch viele Aschiks, die ihre eigenen und eigenartigen Instrumente mitbrachten. In so einem Umfeld kam ich zur Musik.

Im Alevismus spielt die Saz einerseits eine wichtige, andererseits eine nicht so wichtige Rolle. Man entwickelt sich nicht zu einem Spielvirtuosen. Saz ist ein Begleitinstrument. Es begleitet den Gesang, die Lieder, aber auch den Tanz; aber man kommt mit wenigen Griffen zurecht. Die Geschichte von Nasreddin Hodscha ist gar nicht so falsch in diesem Zusammenhang. Man findet die mystische Tiefe nicht in der Virtuosität des Spiels und der Instrumentenbeherrschung.

Das hat auch etwas mit meiner heutigen Musik zu tun. Ich suche das Einfache, Unkomplizierte und dennoch muss da eine Dramatik sein, eine Spannung in der Schlichtheit. Man kann auch sagen: ich meide das Überflüssige, die Technik um der Technik willen, die Virtuosität, nur um virtuos zu sein. Die Musik kommt von der Seele, vom Herzen und ist doch kein Sport.

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