Improvisation. Intuition. Kommunikation

Weltmusikzentrum öffnet sich für transaesthetische Experimente:

Die Improvisation ist im Wesentlichen auf kommunikativer und intuitiver Übereinstimmung der beteiligten Künstlerinnen und Künstler gegründet. Im Jazz hat sich zwar in den Soloparts der Instrumentalisten ein Improvisationsverständnis eingebürgert, das sich stark nach Gewohnheiten richtet und immer und immer wieder dieselben Klangfolgen reproduziert und dadurch eigentlich standardisiert ist, aber freie Improvisation existiert dort, wo die Künstler aufeinander eingehen, die Dinge voneinander aufgreifen und auf eigene Weise fortführen oder modifizieren. Vielleicht sogar Kontrapunkte schaffen und Gegensätzliches erklingen und entstehen lassen.

Zweifellos beherrschen bis zur Virtuosität alle ihre Instrumente, als wären diese ein Teil von ihnen selbst, aber Transaesthetics zeigt auch, dass Improvisation weit über Virtuosität und Technik hinaus geht; neben der handwerklich-künstlerischen Seite spielt das Einfühlungsvermögen durch die ästhetische Intuition die Hauptrolle. Darin wird die Technik dialektisch aufgehoben und keineswegs immer vordergründig präsentiert, wie manch einer bis zur Langeweile zu improvisieren meint, aber sich in der Spiel- und Klangfülle schnell erschöpft.

So haben einige gute Instrumentalisten eine mieserable Performance als Gäste bei Transaesthetics abgeliefert, weil ihnen die ästhetische Sensibilität und Kommunikation beim transaesthetischen Spiel fehlte. Zu den wunderbar gelungenen Auftritten zählte der des Oud-Spielers Ahmet Bektaþ.

Die Musikphilosophie von Transaesthetics erfordert eine hohe Sensibilität für das Gesamtgeschehen und Offenheit für das Wirken der Mitwirkenden. Darin erweist sich das Trio als einen Meister. Es ist ein Geben und Nehmen im musikalischen Austauschprozess, in einer im platonischen Sinne erotischen Kommunikation. Es entsteht eine musikalische Performance, die der Physikalität der Spieltechnik enthoben ist.

Es ist eine Musik, die im positiven wie negativen Sinne im Niemandsland steht oder mit einem anderen Wort: Nirgendwo oder eben in der Utopie einer Kunst, die sich der Rationalität entledigt hat, indem sie das Planerische der Vernunft überwunden und zu einem planvoll versüßten Leben gefunden hat, worin sich die Vernunft aufgelöst hat wie Zucker im Tee.

Diese Musik ist nicht unstrukturiert chaotisch, sondern entwickelt Muster von passenden Elementen im ungeplanten Ereignis des fließenden Geschehens. Musik, Sprache und Tanz bilden eine ineinander fließende Einheit. Das beweist das Zusammenspiel von Danilo Cardoso mit Kazým Çalýþgan, Fethi Ak und Jens Pollheide.

So hatte auch ich als Literat die Gelegenheit, mit Kazým Çalýþgan und Yavuz Duman und ein andermal mit dem Transaesthetics-Trio gemeinsam zu wirken. Als Gast des Transaesthetics-Trios rezitierte ich in improvisierten Fragmenten Textvariationen aus der Lied- und Poesietradition, auf die Kazým Çalýþgan greift, wenn er Liedtexte von alten Derwischen und Aschiks neu vertont. Dieser Rückgriff ist ein kreativer Umgang mit der Tradition gemäß dem Motto Gustav Mahlers, Tradition sei das Hüten des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.

Doch genau damit befindet sich Transaesthetics im Niemandsland der Utopie, im Kein Ort Nirgends der Zuschauer- und Publikumsgunst. Wie für diese Kunst werben? Wie medial transportieren, damit keine falschen Erwartungen geweckt werden, wie die Hoffnung auf konsumistische Musik, die bekannt ist und Erwartungen erfüllt?

Uri Bülbül