Slinky Springs to Fame

«Uri bei der Arbeit», ruft er und schmeißt sich auf eine der Holzliegen am Rhein-Herne-Kanal, um dann lautstark zu erläutern, dass «ihm dieser verdammte Arbeitsbegriff noch zum Verhängnis wird».

Eine Reportage von Jo Ziegler

Wir sind zum Zwecke eines Gesprächs mit einem deutlichen Überhang zum Interview von Essen nach Oberhausen gefahren. Ich hole ihn im Katakomben-Theater ab, wo wir uns verabredet hatten und fahre mit ihm nach Oberhausen zum Rhein-Herne-Kanal - und zwar nicht irgendwohin dort, sondern meiner Meinung nach an eine Stelle, die symbolisch sein könnte: Es gibt eine Fußgängerbrücke über den Rhein-Herne-Kanal, die weit mehr ist als nur eine Brücke. Sie ist Brücke und ein begehbares Kunstwerk zugleich. Slinky Springs to Fame.

Slinky springs - die verrückten Federn zum Spielen, die angeblich «aufreizend» sein sollen, passen wunderbar zu meinem heutigen Gesprächspartner; er hat etwas Verspieltes, Sprunghaftes, er liebt die Zwecklosigkeit des Handelns, spielt mit Raum, Form und Gedanken und kann sich manchmal auch in seinen eigenen (Gedanken-)Sprüngen verheddern.

Ich kann mir nichts symbolisch Passenderes vorstellen als diese Spielfedern, mit denen man auch bestens jonglieren kann. Und diese dann auch noch künstlerisch erweitert und ausgebaut von Tobias Rehberger, einem künstlerischen Grenzgänger zwischen Architektur, Design und Kunst, zu einer Fußgängerbrücke, die über einen Kanal von einer Seite zur anderen führt.

«Wir verfangen uns immer in dem prostestantischen Arbeitsbegriff», sagt Uri Bülbül, und ich befürchte schon, dass er sich auch weigern könnte, die Brücke zu betreten. «Arbeit begriffen nicht als eine essentielle Entfaltung des Menschen, wie aus einem Samenkorn eine ganze Pflanze entsteht...» doch er hält inne. Slinky springs kann ich da nur sagen. Nein, die Richtung scheint ihm nicht ganz zu gefallen, also wieder zurück in die Ausgangslage: «Also jetzt bringe ich eine Teleologie in meine Überlegung, die ich nicht schicksalhaft verstanden wissen will. Niemand hat es uns vorprogrammiert; nicht dass wir jetzt auch noch religiös werden. Ich meine nicht, dass ein Schöpfer uns irgendetwas vorgegeben hätte; aber die Natur hat ja vordergründig auch eine Teleologie: aus einem Sonnenblumenkern erwächst nun einmal kein Rosenstock und kein Apfelbaum.»

Ich befürchte, ich werde ihn nicht mehr von der Holzliege bekommen; dabei ist Slinky Springs to Fame von Tobias Rehberger zum Greifen nahe; wir könnten vom Rad- und Spazierweg auf der einen Seite des Kanals hinüber in den Kaisergarten, was ein beliebter Hochzeitsort zu sein scheint. Mich erinnert die Situation an unsere «Gespräche über Kulturalität». Manchmal sprach er von «Dialogen» statt «Gesprächen» und korrigierte sich dann selbst erklärend, dass eine «rhizomatische Transzendentalphilosophie der Kultur nícht binär, also auch nicht in Dialogen» funktionieren könne, sondern nur in «Gesprächen». Als er aber das Buch setzte, machte er denselben Fehler noch einmal. Ein Slinky eben. Eine Teleologie will er nicht zulassen, weiß aber zugleich, dass aus Sonnenblumenkernen keine Rosenstöcke oder Apfelbäume wachsen.

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